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Sechs, setzen!
Datum: 05.03.2022, Kategorien: Sonstige,
Wer kennt ihn nicht diesen Satz aus Schulzeiten? Wenn man Glück hatte, hieß es "nur": Fünf, setzen! Einzig die Streber haben diese Sätze wohl nie zu hören bekommen. Aber man wusste, wer die Noten verteilt hatte, und es gab eine Begründung des Urteils in Form der Korrektur der Klassenarbeit. Man hatte zu viele Rechtschreib- oder Interpunktionsfehler gemacht, man hatte in Mathe den falschen Lösungsansatz verwendet und das Ergebnis stimmte nicht, oder es wurden bei Fremdsprachen falsche Vokabeln verwendet. Man wusste aber immer, wer das Urteil gefällt hatte und warum. Anders ist es so manches Mal hier im Forum bei den Geschichten, Schilderungen oder Berichten. Es werden Fünfen oder Sechsen verteilt, ohne dass der Autor zu wissen kriegt, wer so kritisch urteilt, und warum er es tut. Immer schön anonym bleiben, scheint die Devise zu lauten und sich ja nicht die Mühe machen, es zu begründen. Während andere mit ihren Urteilen weit darüber liegen und zum Teil Kommentare abgeben, was ihnen so gut gefallen hat, verkriecht sich der Anonymus unerkennbar hinter seinem Bildschirm. Ich kenne aber auch keinen Lehrer, der nachts um, sagen wir mal, viertel vor drei Klassenarbeiten korrigiert hätte. Hier im Forum kommt das immer wieder vor. Der Kritiker ohne Kritik wird erst nachts so richtig munter. Andersherum geht es auch. Ein Autor erzählte mir von einem Kommentar eines Lesers, der begründete, warum er "nur" eine Neun und keine Zehn vergeben hatte. Er, der Leser, hätte so gerne noch ...
... mehr gelesen. Er war enttäuscht über das für ihn zu abrupte Ende, wo er doch gehofft hatte, der Autor würde seine Ankündigung wahr machen und Weiteres über den Fortgang der geschilderten Liaison berichten. Ein anderer Leser vergab "nur" eine Acht und begründete seine Beurteilung, indem er ausführte, der betroffene Autor hätte die Begleitumstände zu ausführlich geschildert. Er wollte es lieber etwas deftiger und direkter lesen. Damit können Autoren doch etwas anfangen. Sie können beim nächsten Mal auf die Wünsche und Vorstellungen eingehen und versuchen, sie zu verarbeiten. Der Schüler in der Schule weiß dann, was der Lehrer verlangt und wünscht. Ein abwertendes Urteil ohne Kommentar und zudem anonym ist wie ein Pausenbrot ohne Belag. Wer einmal selbst eine Geschichte verfasst hat, und sei es die eigene Familiengeschichte, der weiß, wie viel Spaß es macht, Gedanken in Worten zu formulieren. Wer es allerdings noch nie versucht hat, der sitzt mitten in der Nacht vor dem PC und ärgert sich vermutlich über sich selbst am meisten. Der Frust muss dann raus. Keiner schreibt hier, um irgendwen zu ärgern oder zu verärgern. Es ist immer Freizeit, die dabei draufgeht. Das kann man allerdings schlecht mitten in der Nacht machen, wenn die Konzentration eingeschränkt und das eigene Vorstellungsvermögen begrenzt sind. Deswegen lese ich selbst spät abends auch nur so lange, bis ich feststelle, meine Aufnahmefähigkeit lässt nach. Ich will etwas haben von dem, was ich lese. Ich will meine ...