1. Doro 03: Tanjas Schatz


    Datum: 22.08.2023, Kategorien: Nicht festgelegt,

    Doro schrak auf. An die mütterliche Tanja gekuschelt war sie eingedöst. Die Ereignisse, die sie durchlitten hatte, hatten sie völlig erschöpft. Die Ältere streichelte ihr sanft über Kopf und Schultern.
    
    „Na? Geht es dir besser?"
    
    „Ja. Ein bisschen."
    
    Noch immer etwas schläfrig rappelte sich Doro mit hochgezogenen Knien auf und nahm eine sitzende Position auf dem Bett ein. Ihr eigener Schlafplatz stand weiterhin unfertig und wenig einladend auf der anderen Seite der kleinen Gefängniszelle. Sie hatte keinerlei Lust, ihren gemütlichen Platz aufzugeben.
    
    „Dann schauen wir, was ich tun kann, damit es noch besser geht."
    
    Tanja beugte sich nach vorne, griff unter die flache Pritschte und zog mit einem kräftigen Ruck eine offenbar schwere Holzkiste hervor. Deren verkratzte ausgeblichene Beschriftung war nicht mehr zu entziffern. Mit geschickten, blitzschnellen Bewegungen stellte sie die Zahlenkombination an einem Vorhängeschloss ein, ließ es aufschnappen und öffnete den Holzdeckel. Die Jüngere runzelte die Stirn, als sie den Inhalt der Schatzkiste erblickte.
    
    „Woher kommt denn das?"
    
    Das Behältnis war bis zum Rand mit Dingen gefüllt, die man in einem schäbigen Kerker nicht vermuten würde. Neben Glasflaschen mit weißen oder bräunlichen Flüssigkeiten, deren Etiketten auf Alkoholika schließen ließen, lagen Stangen Zigaretten, Pakete mit Süßigkeiten und einzeln verpackte Kosmetika. Alles wirkte ziemlich edel und keineswegs billig.
    
    „Ich bin Geschäftsfrau", erläuterte ...
    ... die Besitzerin, „mache Einkauf und Verkauf. Das ist Ware und Währung im Knast zugleich."
    
    „Und das ist hier erlaubt?"
    
    Tanja setzte ein verwegenes Lächeln auf.
    
    „Wenn alle davon profitieren, dann hat niemand Interesse, Handel zu verbieten."
    
    Die Deutsche biss sich auf die Lippen, um nicht damit herauszuplatzen, dass diese Waren ganz offensichtlich aus illegalen Geschäften stammten, die nur aufgrund der Korruption des Wachpersonals möglich wurden. Damit wollte sie nichts zu tun haben.
    
    Tanja angelte eine Flasche mit bernsteinfarbenem Inhalt aus der Kiste, entkorkte sie und bot dem Neuankömmling davon an. Die schüttelte den Kopf.
    
    „Danke, das ist sehr nett, aber ich möchte nichts trinken."
    
    „Komm schon, tut dir gut!"
    
    Die Größere nahm selbst einen tiefen Schluck, rülpste zufrieden und streckte die Pulle ihrer Nebensitzerin wieder entgegen, deren Aufmerksamkeit aber auf etwas ganz anderes gerichtet war. Unter den Lebens- und Genussmitteln lagen in Plastik eingeschweißte Kleidungsstücke.
    
    „Sag mal, hast du da auch Unterwäsche?"
    
    „Ja. Ist sehr gefragt. Du willst?"
    
    Doro nickte eifrig, doch dann zögerte sie und fragte vorsichtshalber:
    
    „Was kostet die?"
    
    „Weil du bist neu hier, ich mache Gastgeschenk. Aber guter Gast lehnt Willkommenstrunk nicht ab."
    
    Erneut hielt sie der Jüngeren die geöffnete Flasche hin, nun mit Erfolg. Doro wollte unbedingt etwas zum Anziehen. Dafür gab sie nach. Sie setzte an, nahm einen kleinen Schluck und hustete. Das Getränk ...
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