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Meine Tagebücher
Datum: 16.07.2026, Kategorien: Reif
Es war kühl und regnerisch, eben November. Der Tag wechselte schon in den Nachtmodus. Ich hatte mich auf das Sofa hingefläzt. Gestützt von der Armlehne einerseits und der Rückenlehne andererseits lag ich da. Der Stütze meines Rückens diente ein bereits durchgewalktes Kissen mit Federfüllung. Als ich mein Tablet auf dem kleinen Beistelltisch ablegte, fiel mein Blick nach gegenüber auf das Regal. Dort waren in der obersten Etage meine Tagebücher untergebracht. Seit meinem achten Lebensjahr schrieb ich in dicke Schulhefte vom Alltäglichen und von besonderen Erlebnissen. Ich nenne die Kladden zwar Tagebücher. Im eigentlichen Sinne waren sie es wohl nicht. Denn nicht jeder Tag wurde dokumentiert. Zuweilen klaffte ein halbes Jahr zwischen den Aufzeichnungen. Gleichwohl konnte ich nun auf über fünfzig Jahre voller Niedergeschriebenem zurück blicken. Zumeist waren es nur zwei oder drei Sätze, in denen ich über meine Gefühle und die Geschehnisse der Zeit Zeugnis ablegte. Bei besonderen Ereignissen wie dem Mauerfall oder Demonstrationen gegen Krieg und Unrecht konnte es durchaus eine ganze Seite Text werden. Ebenso lang konnten die Aufzeichnungen sein, wenn es um Liebesdinge oder erotische Verbindungen ging. Für einen Moment zögerte ich noch. Sollte ich in meiner bequemen Sitzposition verweilen? Doch dann gab ich mir einen Ruck, erhob mich, strebte mit wenigen Schritten zum Regal und griff irgendein Heft. Es war letztlich auch egal. Denn die Aufzeichnungen waren nur ...
... bedingt zeitlich sortiert. Nachdem ich meinen Platz wieder eingenommen hatte, begann ich zu blättern. Ich hatte das Jahr 1975 erwischt. Unter dem 2. November war zu lesen: "Ich kam mir wie ein Schuljunge vor, als ich der Anwältin hinter ihrem mächtigen Eichentisch gegenüber saß. Sie hatte einen fesselnden, geradezu hypnotischen Blick, der noch von den Gläsern in dem metallenen Brillengestell verstärkt wurde." So begann es. Ich erinnerte mich sofort. Es ging um ein erotisches Abenteuer mit einer wesentlich älteren Frau. Rückblickend muss ich feststellen, dass eigentlich mein ganzes Leben aus Verhältnissen mit Frauen in ihren Fünfzigern bestand. Es begann schon ganz früh mit einer Nachbarin. Damals ging ich noch zu Schule. Aber davon möchte ich nicht berichten, obwohl es mich im wahrsten Sinne auf den Geschmack gebracht hatte. Der erhebliche Altersunterschied hatte es mir über die Jahre leicht gemacht, mit der Damenwelt jenseits der Wechseljahre in intimen Kontakt zu treten. Nur in der letzten Zeit, nachdem ich selbst meiner bevorzugten Altersgruppe entwachsen bin, wird es schwieriger. Ein alter Kerl wie ich, selbst wenn er äußerlich passabel und auch ansonsten noch gut beieinander scheint, gehört dann nicht mehr zu den bevorzugten Partnern älterer Damen. Mein alter Schulfreund Ralle hatte mir den Tipp mit einem Augenzwinkern gegeben. Die Anwältin würde mich sehr gut vertreten. Es ging um meinen Führerschein. Ich war wieder einmal zu schnell unterwegs gewesen. Nun kam ...