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Zyklus der Verführung
Datum: 05.10.2026, Kategorien: Reif
... sofort zu benennen. Er wusste es, als sein Blick in den Zuschauerraum zurückfiel. Nicht in einer Bewegung, nicht in einem Flüstern von Applaus, sondern in einem kaum sichtbaren Zittern der Schultern, einer Haltung, die sich veränderte, nachdem das letzte Des verklungen war. Sie saß in der dritten Reihe. Dunkles Haar, halb hochgesteckt. Eine zarte Hand ruhte auf ihrer Brust, als müsse sie etwas festhalten -- vielleicht sich selbst. Ihr Kleid war elfenbeinfarben, der Stoff so fein, dass man die Konturen ihres Körpers darunter nur ahnen konnte. Die Perlen an ihrem Hals lagen wie eine Melodie auf der Haut. Adrien wusste, was Des-Dur vermochte. Es war keine Tonart des Eroberns, sondern des Einlassens. Weich, sanft, beinahe weiblich in ihrer Struktur. Wer darauf reagierte, war bereit -- nicht zu fallen, sondern zu schwingen, sich mitzubewegen. Eine Frau, die sich in Des-Dur verlor, wollte nicht überrumpelt werden. Sie wollte, dass man spürt, wie sie klingt. Er stand nicht sofort auf. Er ließ den Moment stehen, wie ein Glas Wein, das atmen muss. Dann verneigte er sich kurz, fast beiläufig -- und trat ab. Die Gänge hinter der Bühne rochen nach altem Holz und schweren Vorhängen. Stimmen hallten, irgendwer lachte, ein Handy vibrierte irgendwo. Adrien hörte nichts davon. Nur das Echo seiner Töne in ihr. Draußen war es mild. Der Abend hatte etwas Schwebendes. Adrien war früher gegangen als sonst. Keine Umarmungen, keine Gespräche über Klangfarben oder Pedalarbeit. Nur ...
... der leichte Druck ihrer Anwesenheit, der noch in ihm nachhallte. Er bog in den kleinen Park hinter dem Konzertsaal. Dort, wo die Wege in weichem Kies enden und die Hecken hoch genug waren, um Schatten zu spenden. Er war nicht überrascht, als er sie dort stehen sah. Allein. Die Schultern aufrecht, der Blick auf eine beleuchtete Fensterscheibe gerichtet, in der sich der Mond spiegelte. „Des-Dur", sagte er leise. Sie drehte sich nicht sofort um. Ihre Finger bewegten sich langsam über die Perlen an ihrem Hals. „Das ist selten. Dass jemand so spielt." „Oder dass jemand so zuhört.", erwiderte er. Sie lächelte nicht. Sie tat etwas viel Intimeres: Sie schwieg. Und ließ es zwischen ihnen wirken. Der Kies unter ihren Schritten war leise. Ihre Bewegungen hatten etwas Geübtes, fast Ritualhaftes. Als würde sie nicht gehen, sondern sich verlagern -- von einem Zustand in den nächsten. Er trat näher, aber nicht zu nah. Bei Des-Dur ging man nicht direkt auf jemanden zu. Man näherte sich über die Schwingung, nicht über die Haut. „Sie sind nicht überrascht, dass ich hier bin?" „Ich habe Sie eingeladen. Mit jeder Note." Sie senkte den Blick. Ihre Wimpern warfen lange Schatten auf ihre Wangen. Dann hob sie ihn wieder -- und in ihren Augen war keine Frage. Adrien trat an ihre Seite. Nicht hinter sie, nicht vor sie. Neben sie. Sie sprachen nicht über Namen. Nicht über Verheiratetsein, über das Alter, über das Warum. In Des-Dur gibt es keine Argumente. Sie gingen ...