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Lauschen, Kap. A bis C
Datum: 07.05.2022, Kategorien: Voyeurismus / Exhibitionismus
... der Schule hatte er Lateinunterricht gehabt und gehasst. Und so hatte ihm Titel des Buches von Isobel Williams, "Catullus: Shibari Camina" überhaupt nichts gesagt -- nur das Umschlagbild, das war ihm ins Auge gesprungen. Es zeigte einen nackten Körper undefinierbaren Geschlechts, der in Seilen gefesselt herab hing. Chris hatte schon immer überlegt, in seiner Beziehung zu Veronika etwas weiter zu gehen. Er hoffte, hier Inspiration zu finden. Und er fand sie, der Roman über Catulls Trip in die japanische Kultur war ziemlich anregend. Aber natürlich war es nur eine Fiktion. Catull kam nie bis Edo. Clodia umarmte Catull von hinten, schnürte ihm fast die Luft ab, und hauchte in sein rechtes Ohr: "Catullchen, wie viel Küsse brauchst zur Befriedigung deiner Lust?" Und Catull sprach ächzend unter Schmerzen, denn Clodia hielt ihn nicht nur weiter in ihrem würgenden Griff, sondern drückte nun auch noch auf seinen Adamsapfel: "Sind wir etwa gestresst, Herrin? / Wie viele Euerer Knoten Seil / Erträgt er, bis der Dichter erstickt? / Legt mir Hanf, Seide, Jute ...
... um, bindet's fest / Das Positionsseil, Hohes Eisen, / Wade an den Schenkel, Körper in Diamanten, / Hängend, schwebend, / Alle Glieder gefesselt. / Alles davon, alles; / Einzeln und zusammen. / Schmerzen bis meine Haut verbrennt!" Und just diese fesselnde Szene, bildhaft in seinen Geist aufgebaut, zerstört schnöde die Durchsage der Verspätung. Chris ist ziemlich, nein, sehr sauer, denn er hat sich schon auf den Abend mit seiner Lebensgefährtin Veronika gefreut. Nun muss wohl nur wegen des Bahnverkehrs ein Teil ihres romantischen Abends abgekürzt werden, damit noch genügend Zeit für den puren Sex bleibt. Er muss sie anrufen und ihr Bescheid sagen, dass er so viel später eintreffen wird: Geschlechtsverkehr mit Verspätung. Da ist so eine erotische Erzählung auch kein richtiger Ersatz für das echte Leben. Chris legt den Roman auf die kleine Ablage am Fenster, holt sein Handy aus der Innentasche seines Jacketts und tippt für die Automatik-Wahl auf Veronikas Bild. Es klingelt zweimal, bis Veronika das Gespräch annimmt. "Hallo, Veronika? Hier ist Chris."