1. Cowboy und Indianer (genau wie früher)


    Datum: 26.09.2022, Kategorien: Sonstige,

    ... ganz schön hartnäckig", sagte ich jetzt etwas sanfter als eben noch.
    
    "Johann", erwiderte er und hielt mir seine Hand hin.
    
    Eine Sekunde zögerte ich, dann gab ich ihm meine. "Valeska."
    
    "Ich weiß."
    
    Diese angebliche Tatsache und sein großes Selbstbewusstsein verunsicherten mich zwar ein wenig, aber ich ließ mich auf sein Spiel ein. "Wenn du jetzt auch noch meinen Nachnamen kennst, haben wir ein Date. Ansonsten ist unsere Unterhaltung hiermit beendet." Ich funkelte ihn ebenso herausfordernd wie erwartungsvoll an. Nicht nur in meinem Magen machte sich ein gewisses Kribbeln breit.
    
    "Wenn du zwischenzeitlich nicht geheiratet hast, heißt du vermutlich immer noch Haberland."
    
    Verblüfft sah ihn an. "Verdammt nochmal, wer bist du?" Jetzt wurde es langsam echt unheimlich. Allzu viele Frauen mit dem Namen Valeska Haberland gab es in Deutschland meines Wissens nicht.
    
    "Du erinnerst dich überhaupt nicht an mich?"
    
    "Nein, woher denn?"
    
    "Wenn du mir jetzt auch noch sagst, dass du dafür ständig an Julian denkst, bringe ich mich um", sagte er mit einer theatralischen Geste.
    
    In meinem Hirn ratterte es. "Oh mein Gott! Die Zwillinge!"
    
    "Genau. Und wie ich bereits sagte -als wir uns zum letzten Mal gesehen haben, warst du sechzehn."
    
    "Moment, ich glaube, ihr ward sieben." Ich rechnete kurz nach. "Dann bist du jetzt neunzehn!"
    
    "Ja, und immer noch acht Minuten älter als Julian."
    
    "Manche Dinge ändern sich halt nie."
    
    "Habe ich das richtig verstanden? Wir haben ...
    ... jetzt ein Date?"
    
    "Vielleicht nicht im klassischen Sinne, aber ich verbringe gerne die nächsten Stunden mit dir. Noch mehr freuen würde ich mich allerdings, wenn Julian ebenfalls dabei sein könnte."
    
    Er fasste sich an sein Herz und verzog leidvoll sein Gesicht. "Ich habe immer geahnt, dass du ihn lieber mochtest als mich."
    
    "Ihr seid sehr unterschiedlich gewesen", antwortete ich diplomatisch. Aber es stimmte, der ruhige und sensible Julian war tatsächlich mein Favorit gewesen. Auch wenn er heute bestimmt nicht ganz so gut aussah wie der inzwischen breitschultrige Johann mit seinem auf angenehme Weise leicht kantigen Gesicht.
    
    "Was hältst du davon, wenn wir raus nach Dreieich fahren?
    
    Er
    
    wird auch da sein."
    
    "Du wohnst da immer noch?"
    
    "Ich habe auch hier in der City eine kleine Bude, aber zu Hause ist es schöner. Erst recht bei diesem Wetter. Mein Wagen steht gleich um die Ecke."
    
    Insgeheim hatte ich fast damit gerechnet, gleich sein heiß geliebtes Kettcar von damals wiederzusehen, aber stattdessen fuhr er heute ein schwarzes BMW-Cabriolet. Er erzählte mir von seinem Studium, ich ihm von meiner Karriere. Doch je weiter wir die Skyline Frankfurts hinter uns ließen, desto weniger redete ich. Die Reise in meine Vergangenheit nahm mich voll und ganz in Anspruch. Bis zu meinem Abi hatte ich in Dreieich gelebt. Danach war ich ein Jahr als Au-pair in England gewesen. Meine Eltern hatten unser Haus verkauft und waren in den Norden gezogen, ich hatte mein Studium im ...
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