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Cowboy und Indianer (genau wie früher)
Datum: 26.09.2022, Kategorien: Sonstige,
... Süden absolviert. Dank der sozialen Medien waren die Kontakte zu meinen Freunden nie abgebrochen, aber deshalb wusste ich auch, dass niemand mehr hier wohnte. "Bieg bitte die nächste rechts ab", bat ich Johann nach ungefähr zwanzig Minuten. "Ist das deine Straße?" "Ja", antwortete ich leise und war ihm dankbar, dass er nun ganz langsam fuhr. Das Haus, in dem ich aufgewachsen war, besaß jetzt einen Anbau. Die Hecke zur Straße hin war durch einen Jägerzaun ersetzt worden. Auf dem Dach befand sich eine Photovoltaikanlage. Genau wie bei Johann waren die Veränderungen ziemlich erheblich, obwohl ich mich auf einmal wieder wie achtzehn fühlte. "Soll ich anhalten?" "Nein." Ich schüttelte meinen Kopf. "Es wird Zeit, deinen Bruder zu sehen." "Geht das schon wieder los", seufzte er. Aber als ich zu ihm herübersah, konnte ich ein Lächeln auf seinem Gesicht erkennen. Nur eine Minute später steuerten wir auf das imposante Haus im mediterranen Stil zu. Als Kind war ich mit meinem Fahrrad immer wieder hierher gefahren und hatte fasziniert beim Bau zugeschaut. Damals war mir der Weg wie eine halbe Weltreise vorgekommen. Da hatte ich noch nicht ahnen können, dass ich hier etliche Jahre später sehr viel Zeit verbringen würde. Ziemlich genau zwölf Monate lang hatte ich als Babysitterin bei den Reichelts gearbeitet. Da ihr Haus viel größer und cooler gewesen war als unseres, hatte ich mich meistens gleich nach der Schule dort hinbegeben. Dass die Vornamen der beiden Jungs ...
... jeweils mit einem J begannen, war quasi erbliche Veranlagung. Ihre Eltern hießen Jörg und Julia. Herr Reichelt war ein erfolgreicher Anwalt mit eigener Kanzlei in Frankfurt. Seine Frau hatte keinen Beruf erlernt, sondern sich damals als Hochzeitsplanerin betätigt. Ihre Leidenschaft waren jedoch Tennislehrer gewesen. "Darf ich euch wie früher etwas zu essen machen?", fragte ich in Erinnerung an alte Zeiten. "Das ist eine sehr schöne Idee! Dann fahren wir gleich noch beim Supermarkt vorbei. Fischstäbchen haben wir nämlich schon ewig nicht mehr gegessen." Er trat auf das Gaspedal und fuhr weiter. Durfte ich das etwa als eine leise Kritik an meinen Kochkünsten verstehen? "Ich bin zwar heute immer noch keine Meisterköchin, aber ein wenig habe ich mich schon weiterentwickelt." "Tut mir leid, wenn das falsch rüberkam. Aber ich fände es einfach großartig, wenn wir heute alles genauso machen würden wie damals." "Sind eure Eltern zu Hause?", fragte ich, als wir zum zweiten Mal auf das Grundstück der Reichelts zufuhren. "Mein Vater arbeitet wie üblich lange und meine Mutter ist vor zwei Jahren ausgezogen." "Tennislehrer?", mutmaßte ich. "Nein, die hatte sie alle schon durch. Außerdem hast nicht nur du dich weiterentwickelt. Stuart ist Golflehrer." Klar, die Bäume waren größer geworden und anstelle des blauen Vogelhäuschens mit dem gelben Dach stand nun eine Sonnenuhr im Vorgarten, aber ansonsten kam es mir vor, als wäre die Zeit stehengeblieben. Als ich durch die ...