1. Anna


    Datum: 10.04.2024, Kategorien: Sci-Fi & Phantasie,

    Es war kalt. Die Nacht war dunkel. Die Lichter der Stadt sorgten dafür, dass keine Sterne zu sehen waren. Eine dunkle, schwarze Nacht. Immer wieder durchbrochen durch das Leuchten der Straßenlaternen und der Neonreklamen.
    
    Annas Schritte hallten über den Asphalt. Ihre Stiefel flogen geradezu über den Gehsteig. Sie war schnell. Schon immer. Sie bewegte sich zügig. Gezielt.
    
    Alleine eilte sie durch die leeren Straßen. Vorbei an Mülltonnen, Ladenzeilen, parkenden Autos. Anna war unscheinbar. Ihre dunkle Kleidung ließ sie wie einen Schatten mit den Silhouetten der Häuser verschwimmen. Es war kalt. Anna war Kälte gewöhnt. Ihr schwarzer Rock wehte um ihre Beine. Ihre Jacke hing, etwas zu groß, über ihren Schultern.
    
    Es war still. Nur ihre Schritte waren zu hören. Da war niemand, der sie hätte hören können. Nicht hier, nicht heute.
    
    Sie hatte noch etwas Zeit. Sie musste sich nicht beeilen, aber Geschwindigkeit lag in ihrer Natur. Sie war auf dem Weg zum Treffpunkt. Vielleicht noch zehn Minuten von hier entfernt.
    
    Ein eisiger Wind wehte um die Häuserecke und direkt in Annas Gesicht. Sie ballte die Finger in ihren Jackentaschen zu Fäusten, zog die Schultern hoch und eilte weiter. Sie mochte die leeren, kalten Straßen.
    
    Einmal links um die Ecke, dann über die Straße. Ihre Bewegungen waren flüssig und stetig. Wieder eine Ecke. Dann geradeaus. Aus dem Augenwinkel fiel Annas Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. Sie kniff die Augen zusammen und drehte den Kopf. Licht. ...
    ... Ein Schaufenster. Eine Reklame.
    
    Anna blieb stehen. Anna blieb selten stehen. Sie war die Bewegung gewohnt. Brauchte sie. Stillstehen war keine Option.
    
    Mit wenigen Schritten überquerte sie die Straße. Das Licht. Das Schaufenster. Anna blickte auf einen großen Bildschirm.
    
    Palmen, Strand, Meer, Sonnenschein. Eine Urlaubsreklame strahlte ihr entgegen, erleuchtete die dunkle Nacht. Anna stand da, wenige Zentimeter von der Glasscheibe entfernt. Ihre wachen Augen starrten auf den Bildschirm. Palmen, Sonne, Meer. Weißer Sand. Annas Blick war gebannt. Palmen, Wärme, Wasser, Sonne.
    
    Es gab keinen größeren Widerspruch zum hier und jetzt.
    
    Diese Stadt. Die Kälte. Die Dunkelheit. Annas Fäuste entspannten sich. Öffneten sich. Sie drückte ihre Handflächen in den Jackentaschen gegen ihren Bauch. Sonne. Palmen. Strand.
    
    Ein Schatten huschte über die Schaufensterscheibe. Anna fuhr herum. Nichts war zu sehen. Ein Mensch? Ein Tier? Nichts.
    
    Anna drehte sich wieder dem Bildschirm zu. Nicht heute. Nicht hier. Heute gab es nur die kalte Nacht. Aber mit der Aussicht auf etwas Wärme.
    
    Der Treffpunkt. Anna ging weiter. Max würde auf sie warten. Sie würde absichtlich etwas zu spät kommen. Max. Würde er ihren Erwartungen entsprechen? Laut der App hatte er alles was Anna wichtig war. Ein freundliches Lächeln, nicht zu hübsch, aber auch nicht unattraktiv. Groß. Anna spürte Vorfreude in sich aufsteigen. Es war eine gute Nacht. Es war Zeit. Max würde der Richtige sein.
    
    Palmen, Sonne, ...
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