Valyna 01: Flucht aus dem Verlies
Datum: 07.05.2025,
Kategorien:
Sci-Fi & Phantasie,
Prinz Heinrich stemmte sich mit der Schulter gegen die schwere Tür tief unten in den lichtlosen Katakomben des Bergfrieds. Er hatte die hungrigen Wölfe des Waldes und die dichte Dornenhecke um die finstere Festung überwunden und den menschenfressenden Oger, der die Pforte zum Turm bewachte, erschlagen. Nun endlich, als die Tür widerstrebend nachgab, hatte er das letzte Hindernis auf dem Weg zu seinem Ziel ausgeräumt. Er trat in den weitläufigen Kerker, der von einem gespenstischen bläulichen Hexenlicht in eine unwirkliche Atmosphäre gehüllt wurde. In dem schwachen Schein, der von überall und nirgends zu kommen schien, erkannte er sie.
Nichts konnte seine Gewissheit erschüttern, dass er die Gesuchte gefunden hatte, auch wenn er ihr Gesicht in diesem Moment nicht sehen konnte. Ihr Kopf war vornüber auf ihre Brust gesunken, umhüllt von der Fülle ihres wallenden, honigblonden Haares, das nach wer weiß wie langer Gefangenschaft zerzaust und matt einen dichten Schleier bildete. Stählerne Ketten, die vom Zentrum des Gewölbes herabhingen, banden ihre Handgelenke und zerrten sie nach oben, so dass die zierliche Gestalt trotz ihrer Erschöpfung hoch aufgerichtet und auf bloßen Zehenspitzen balancieren musste. Die prächtigen Gewänder, in denen er sie kennengelernt hatte vor einer Zeit, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, waren verschwunden. Ihr schlanker Körper war nur noch mit einem dünnen, ärmellosen Unterhemd bekleidet, das sie von den Schultern bis zu den Knien herab notdürftig ...
... bedeckte. Zahlreiche Risse im seidigen Stoff gaben den Blick auf ihre weiße, makellose Haut frei.
Heinrich riss sich von dem traurigen Anblick, der ihn mit Wut über die ehrlose Behandlung der Gefangenen erfüllte, los und trat vorsichtig näher. Das leise Geräusch seiner Schritte schreckte die Gefolterte aus ihrer Apathie auf. Schwach schüttelte sie den Kopf und wimmerte kaum hörbar.
„Nein, bitte nicht."
Der Prinz hielt inne und sprach beruhigend:
„Prinzessin Laureana, keine Angst, ich bin hier, um euch zu retten."
Langsam hob sie ihre himmelblauen Augen und sah ihn ungläubig an. Dann huschten Erleichterung und Hoffnung über ihre Züge.
„Prinz Heinrich! Ihr? Wie ...?"
„Beruhigt euch. Ich befreie euch und bringe euch zurück ins Schloss eures Vaters. Lange Erklärungen müssen warten. Aber eure Not hat jetzt ein Ende."
Die momentane Freude, die in ihren Augen aufblitzte, wich jäh einer plötzlichen Furcht, nahezu Panik. Heinrich musste verwirrt feststellen, dass sie versuchte, trotz ihrer misslichen Lage seinem Griff auszuweichen, als er die Hand nach ihr ausstreckte.
„Was ist mit euch?"
„Wo ist sie?", war ihre gehetzte Antwort, „Ist das wieder eines ihrer grausamen Spiele, um mich zu quälen? Eine der teuflischen Illusionen, mit denen sie mich verhöhnt und meinen Willen brechen will?"
„Wen meint ihr? Wer ist hier und tut euch das an?"
Misstrauisch sah Heinrich sich um und lockerte das Schwert an seinem Gürtel.
„Die Hexe!", wisperte sie, „sie hat ...