-
Sophie - Teil 1 Ein Nachmittag in Grau
Datum: 20.02.2026, Kategorien: Schamsituation
... eine kleine Stimme in ihr erwiderte zaghaft: Vielleicht genau das, was ich brauche. Sie tippte zurück: „Was für ein Spiel? Und … wer bist du eigentlich?“ Merkwürdig, mit jemandem zu schreiben, der vollkommen anonym ist. Aber sie war es ja auch. Die Antwort kam schnell: „Du kannst mich Orpheus nennen. Ich spiele gerne mit Worten und Fantasien. Keine Sorge, ich fange langsam an. Ich würde dir ab und zu kleine Aufgaben schicken, nichts Unmögliches, aber solche, die dich spüren lassen, dass du mehr bist als Routine und Alltag.“ Sophie starrte auf die Zeilen und fühlte ein merkwürdiges Kribbeln. Aufgaben, die sie aus dem gewohnten Trott reißen? Daran hatte sie lange nicht mehr gedacht – und noch weniger daran geglaubt, dass sie sich darauf einlassen könnte. Orpheus schrieb weiter: „Klar, du entscheidest, ob du mitmachst. Aber manchmal braucht es den Mut, etwas Neues zu wagen. Wie wäre es, wenn du morgen, wenn die Kinder weg sind, dir etwas Zeit für dich nimmst? Für den Anfang keine Aufgabe, nur eine Einladung. Trau dich, es einfach mal anders zu machen.“ Sophie legte das Handy beiseite, doch die Nachricht von Orpheus ließ sie nicht los. Er hatte geschrieben, sie solle sich am nächsten Morgen um neun Uhr einloggen, wenn sie mitmachen wolle. Mehr hatte er nicht verraten — nur, dass es langsam und vorsichtig beginnen würde, ein kleines Spiel, etwas Aufregendes, das sie aus ihrem Alltag ...
... reißen sollte. Sie spürte ein Heben und Senken in ihrem Magen, eine Mischung aus Nervosität und einer längst vergessenen Vorfreude. Was würde sie erwarten? Was würde sie lassen, was würde sich verändern? Sophie dachte an ihren Körper, an das Gefühl der Unsicherheit, das sie den ganzen Tag begleitet hatte. War das Spiel vielleicht eine Chance, sich neu zu entdecken? Oder würde es ihr nur vor Augen führen, wie fremd ihr alles geworden war? Der Gedanke, morgen früher als sonst am Handy zu sitzen, sich jemandem zu öffnen, der sie nicht kennt, machte ihr Angst. Und doch spürte sie, wie ein kleines Flämmchen in ihr aufflackerte. „Vielleicht ist es genau das, was ich brauche“, dachte sie. „Etwas, das mich aus dem Grau holt, selbst wenn ich noch nicht weiß, wohin es führt.“ Die Stunden bis zum Einschlafen quälten sich zäh dahin. Sophie lag wach in ihrem Bett, die Decke zu hoch gezogen, während ihr Kopf voller Fragen kreiste. Was war, wenn sie sich blamierte? Was, wenn sie sich im schlimmsten Moment zurückzog? Was, wenn dieses fremde Spiel ihre Sehnsucht eher nähren als stillen würde? Sie drehte sich auf die Seite, versuchte an etwas anderes zu denken, doch sie fand keinen Ruhepunkt. Immer wieder kehrten die Bilder des Tages zurück — die Spiegelbilder, die Nachrichten, die leise Hoffnung. Langsam wurde ihr klar, dass sie zum ersten Mal seit Langem wieder ein bisschen gespannt auf den nächsten Tag war.