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Julias Weg - Kap. 1
Datum: 06.05.2026, Kategorien: Romane und Novellen,
... schwere Tüten aus dem Discounter und war vermutlich auf dem Weg nach Hause in den riesigen Hochhauskomplex, den es in diesem Stadtteil gab. Neben dem Discounter lag ein Penner auf seinem Schlafsack und hatte einen Plastikbecher neben sich stehen, in den er Almosen der Passanten erbat. Alle Probleme und Herausforderungen einer großen Stadt zeigten sich auch und insbesondere in den Randgebieten. Sie schaute auf ihre Uhr und schreckte auf. Sie hatte nur noch zwei Minuten, bis ihre Bahn fuhr. „Ey, hast du Zigarette für mich?", kam es in dem Moment von hinten, als sie gerade ihre Zigarette am Mülleimer ausdrückte. Sie drehte sich um, ein ungepflegter Ausländer stand vor ihr. „Ich rauche nicht!", erwiderte sie arrogant und begab sich die Rolltreppe herab. Der Typ zischte ihr hinterher: „Sürtük!" Julia hatte keine Ahnung, was er gesagt hatte, aber es klang nicht freundlich. Sie erwischte ihre Bahn gerade noch. Auch hier das gleiche Bild, ohne weiter ins Detail zu gehen. Es lagen zwölf Stationen vor ihr. Sie musste leider stehen, da bereits alle Plätze belegt waren. Sie hielt sich an einer Stange fest und hoffte, dass die Fahrt möglichst schnell vorbei war. Mit jeder Station füllte sich die Bahn weiter. Es herrschte ein erbärmlicher Gestank in der Bahn und sie war bei jedem Halt froh, dass die Türen aufgingen und wenigstens etwas Luft hineinkam. Irgendjemand ließ einen fahren, ein weiterer hielt seine ungewaschenen Achselhaare an die Luft, wiederum ein ...
... anderer roch nach Alkohol. Zudem stank es unterschwellig im gesamten Netz der U-Bahn abartig nach Urin. Sie musste fast würgen und dachte daran, dass sie später noch wieder nach Hause musste. Die Bahn näherte sich nun dem Hauptbahnhof. Endstation! Gleich würden die Fahrgäste alle aus der Bahn strömen und sich nach der Rolltreppe in alle Himmelsrichtungen verteilen. Schon als sie aus der Bahn stieg, hatte sie jede Menge ungewollten Körperkontakt mit den anderen Leuten. Sie spürte Berührungen am Oberarm, ihrem Hintern, ihrem Knie und sogar an ihren Brüsten, als ein Jugendlicher an ihr vorbeiging und sie unabsichtlich mit seiner Schulter berührte. Kurze Zeit später war sie endlich wieder an der frischen Luft. Auf dem Vorplatz herrschte ein reges Treiben, es war mittlerweile 19 Uhr und es waren weniger die Pendler, die den Platz beherrschten, sondern vielmehr das Volk, das abendliche Unterhaltung suchte. Julia steckte sich eine Zigarette an und überquerte den Platz in Richtung der Bar, in der sie mit Dilara verabredet war. Wenige Minuten später erreichte sie die beliebte Seitenstraße in der Fußgängerzone und steuerte auf die kleine Bar zu. Dilara erblickte Julia als erstes und winkte ihr euphorisch zu. „Baby, du bist spät!", sagte sie mit ihrer hohen Stimme und drückte Julia einen Kuss auf die Lippen. Damit hatte sie nicht gerechnet, da Dilara bei der Arbeit normalerweise sehr zurückhaltend war. „Sorry, ich hab vergessen, wie lange es dauert, mit den Öffis in die ...