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Julias Weg - Kap. 1
Datum: 06.05.2026, Kategorien: Romane und Novellen,
... wollte, berührte sie aus Versehen mit der Fußspitze ihrer Pumps das Bein ihres Gegenübers. Sie entschuldigte sich sofort bei ihm und schob ihren Hintern so weit wie möglich in ihre Sitzschale, um etwas Abstand zu gewinnen. Verlegen schaute sie aus dem Fenster, bemerkte aber aus dem Augenwinkel, wie der Mann sie unentwegt ansah. Er glotzte geradezu und musterte ihren Körper. Seine Hand lag dabei schamlos auf seinen Schritt. Julia zog den Reißverschluss ihre Jacke bis nach oben, um ihm den Blick auf ihre Oberweite zu verwehren. Den Blick auf ihre Beine konnte sie allerdings nicht verhindern, was der Mann auch ungeniert nutzte. Er bewunderte ihre schlanken Beine. „Wenigstens überhaupt mal jemand, der mich beachtet", dachte sie sarkastisch und dachte an Jens und wie er sie vorhin geradezu missachtet hatte. Julia fand den Mann gegenüber ziemlich abstoßend, ihr kam aber auch der Gedanke, dass sie nicht ganz unschuldig daran ist, dass er sie so ausgiebig musterte. Er hatte sicher nicht allzu häufig eine hübsche Frau in seiner unmittelbaren Nähe, die etwas nackte Haut zeigte. Sie konnte ihren eigenen Gedanken gerade kaum fassen. Hatte sie gerade eine Rechtfertigung für das Verhalten dieses ekelhaften Typen gesucht? Sie schüttelte innerlich den Kopf, als der Bus die Haltestelle erreichte. Ihre Reise war noch nicht vorbei, der Weg in die Innenstadt war lang und es lagen noch 20 Minuten Fahrt mit der U-Bahn vor ihr. Das war auch einer der Gründe, warum sie sich gerne ...
... daran gewöhnt hatte, lieber in der etwas gehobenen Vorstadt zu bleiben. Jens und Julia hatten sich nach der Hochzeit ein kleines, modernes Reihenendhaus in einem neu erschlossenen Bauabschnitt gekauft. Nur zwei Straßenzüge weiter begannen jedoch bereits die Ausläufer der Großstadt - in all ihren negativen Facetten. Bis die U-Bahn kommen würde, hatte sie noch ein paar Minuten Zeit, um eine zu rauchen. Sie stand an der Rolltreppe und schaute sich das Treiben auf dem Platz an. Die Stadt hatte einen gefühlt furchtbar hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. Julia nannte sie platt Ausländer, denn das war der Begriff, den sie von klein auf von ihren Eltern gelernt hatte. Sie wuchs in einem kleinen Dorf in der Region auf, in der fast gar keine Ausländer lebten. Der Begriff war zwar politisch nicht korrekt, aber das war ihr egal. Selbst hier auf dem weitläufigen Platz gab es ein Gewirr von fremden Sprachen und unterschiedlichen Kulturen. Der Geruch von Marihuana hing in der Luft. In einer Ecke tauschten zwei Ausländer fast unauffällig ein paar Geldscheine gegen Ware. Ein wenig entfernt drei halbwüchsige Ausländer, die mit dem Finger auf Julia zeigten und kicherten. Eine ältere Türkin mit Kopftuch schob einen Kinderwagen an ihr vorbei und hatte zwei Kinder im Schlepptau. Ein Anzugträger mit Aktentasche hatte seinen Blick zu Boden gerichtet und ging über den Platz. Ein weiterer war auf sein Mobiltelefon gebannt. Eine ungepflegte deutsche Familie trug ...