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Die letzte Stunde am Abend
Datum: 21.05.2026, Kategorien: Widerwillen/Nichteinwilligung,
Enya saß auf der großen, hart gepolsterten Couch und wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen weg. Dann putzte sie sich die Nase, atmete anschließend tief durch und beruhigte sich allmählich wieder. Unglaublich, dass es sie schon wieder so mitgenommen hatte. Dabei dachte sie schon, sie hätte es lange genug verdrängt, um darüber hinwegzukommen. Aber über sowas kann man wohl nie wirklich hinwegkommen, und sie spürte ihren Selbsthass wieder in sich aufsteigen. Die fast schmerzhafte innere Unruhe nahm sie wieder in Besitz. Allein in ihrer Wohnung hätte sie ihren Selbsthass hemmungslos ausleben müssen, getrieben von ihrem inneren Zwang. Sie hätte sich wahrscheinlich nackt ausgezogen und dann aus dem Mülleimer in der Küche den Abfall gefressen. Zum Beispiel den verdorbenen Joghurt, den sie gestern angewidert in den Müll geschmissen hatte. Dann die Essensreste der letzten Tage, die jetzt bestimmt schon leichten Schimmel gebildet hatten. Und zum Schluss die Überbleibsel ihrer leichten Erkältung: ein paar vollgerotzte Papiertaschentücher. Als Nachtisch würde sie sich mit dem Kabel ihres Föns auf die blanke Fotze schlagen - natürlich mit dem Stecker voran, weil ihr Selbsthass das so wollte. Aber zum Glück war sie ja nicht in ihrer Wohnung. Erneut putzte sie sich ihre Nase und ließ sich dann zurück in die Couchpolster sinken, während ihr Psychiater in seinem Lehnstuhl saß und sie beobachtete. „Tut mir leid, Professor Hottenwaldt", schluchzte Enya leise. Seine Augen ...
... betrachteten sie durchdringend, und Enya spürte ihren Selbsthass kraftvoll aufflammen, als hätte jemand einen Kanister Benzin in ein Lagerfeuer gekippt. „Wie fühlst du dich jetzt, Enya?", fragte der Professor mit tiefer, ruhiger Stimme. „Nicht so gut", antwortete sie mit leicht zittriger Stimme. „Ich hatte alles ganz tief in mir vergraben. Meine ganze Kindheit. Und ihnen davon zu erzählen, bringt Erinnerungen zurück, die ich nicht will." Professor Hottenwaldt nahm seine vorgestopfte Pfeife zur Hand und zündete sie mit einem Streichholz an. Enya betrachtete ihren Psychiater, und ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen. Er war etwas korpulent, aber nicht klein. Sein schütteres Haar war ergraut, genau wie sein Bart, und durch die dicken Gläser seiner Hornbrille starrte er sie mit dunklen Augen an. Er sah aus, wie ein alter Mann mit 67 Jahren eben aussah. Er sah aus, wie ihr Opa. Der Professor paffte seine Pfeife, während Enya versuchte einen Weinkrampf zu unterdrücken und gleichzeitig die innere Unruhe im Zaun zu halten. Sie spürte den unbändigen Zwang sich zu verletzen. „Du kommst jetzt seit zwei Monaten zu mir in Therapie", sagte der Professor mit brummiger Stimme. „Und du versuchst immer noch so zu tun, als wäre dir nichts passiert." Enya stockte der Atem, und sie wurde knallrot. „Seit frühester Kindheit wurdest du geschlagen, erniedrigt und schwer missbraucht", fuhr der Professor fort. „Und das hörte erst auf, als du 16 oder 17 warst?" „Da bin ich dann ...