1. Ein Herz und zwei Seelen -- Josefine Selma


    Datum: 30.07.2026, Kategorien: Romantisch

    ... machen?" Verzweifelt sah Marta ihre Mutter an.
    
    "Ich weiß es nicht, Marta. Wenn wir nicht verhungern, dann werden wir erfrieren. Sie haben alle Vorräte geplündert und der Winter kommt bald. Das Buch der Heilung ist auch verbrannt."
    
    "Aber du hast mich alles auswendig lernen lassen, Mutter. Und jetzt fällt mir ein, Urgroßmutter hat aufgeschrieben, was wir machen können."
    
    "Ja, das hat sie. Aber das Ritual ist sehr schwierig und wir wissen nicht, ob unsere Seelen wirklich auf die Reise in einen anderen Leib gehen oder ob wir einfach nur sterben."
    
    "Ich will es lieber versuchen, als hier zu verhungern oder zu erfrieren. Ich bin noch so jung! Ich will leben!"
    
    Marta weinte wieder, wie so oft in den letzten Tagen. Selma nahm sie in die Arme und weinte mit ihr.
    
    "Also, sag mir nochmal, was machst du, wenn du angekommen bist?"
    
    "Ich beobachte erstmal, ich lerne meinen Gastgeber kennen und lerne, wie er oder sie lebt. Wenn ich das geschafft habe, dann versuche ich, mit ihm zu reden. Ich muss einfach nur meine Gedanken an ihn richten. Ich kann seinen Leib selber bewegen, aber nur, wenn er es erlaubt und solange er es erlaubt. Dazu muss ich sein Vertrauen gewinnen. Zwei Seelen in einem Herzen, aber ich bin nur Gast. Alles richtig so?"
    
    "Ja, alles richtig. Und irgendwann finden wir uns wieder. Merk dir gut, wo wir die Flasche mit unseren Brieflein vergraben haben. Finde sie und lies mein neues Brieflein, dann weißt du, wo ich bin. Wenn sie nicht mehr da ist, leg eine ...
    ... neue Flasche mit einem neuen Brieflein dort ab."
    
    "Urgroßmutters zweite Seele war über 200 Jahre unterwegs, bis sie ihren Leib gefunden hatte. Wir wissen nicht, wie lange wir unterwegs sein werden."
    
    "Nein, das wissen wir nicht, aber ich fühle in meinem Herzen, dass wir uns wiedersehen werden."
    
    "Ich fühle es auch, Mutter."
    
    "Dann lass uns den Trank trinken und mit der Zeremonie beginnen."
    
    Die beiden Frauen leerten ihren Becher mit dem Trank und setzten sich ganz nah gegenüber, das rechte Bein jeweils über das linke Bein der anderen. Ihre Hände lagen auf den Schultern der anderen. Sie sahen sich lächelnd in die Augen, dann schlossen sie sie. Den Oberkörper langsam im Kreis wiegend, summten sie eine einfache, immer wieder kehrende Melodie. Ihre Herzen begannen, im Takt zu schlagen und sie fühlten nichts als Glück. Ihre Seelen berührten einander.
    
    Schließlich verschwanden ihre Leiber und die Kleidung fiel leer zu Boden.
    
    Selma
    
    Ich schwebe umgeben von bunten Farben, leise Melodien sind zu hören. Zeit und Raum haben keine Bedeutung. Ich fühle Zufriedenheit, ich bin glücklich.
    
    Und plötzlich kann ich wieder sehen. Ich habe einen Leib! Halt, es ist nicht mein Leib, ich bin nur Gast hier. Es ist der Leib einer Frau und ich spüre, dass sie unglücklich ist. Mir ist, als ob ich auf einmal ebenfalls unglücklich bin. Die nackten Unterarme der Frau lehnen auf etwas, was sich kalt anfühlt. Ich fühle also mit ihrem Leib. Und ich sehe, was sie sieht. Ich spüre noch etwas. ...
«1234...94»