1. Zyklus der Verführung


    Datum: 05.10.2026, Kategorien: Reif

    ... andere Tonart.
    
    „Morgen spiele ich Chopin. E-Dur. Étude Nr. 3."
    
    Sie nickte. „Zu hell für mich. Ich bin eher Es oder Des. Immer gewesen."
    
    „Und doch sind Sie gekommen."
    
    „Manchmal reicht eine Bewegung im Bass."
    
    Sie standen nicht sofort auf. Ihre Beine berührten sich, nicht suchend, sondern bleibend. Die Nacht war warm. Und irgendwo, ganz weit hinten, hörte man noch einen Ton. Oder bildete es sich ein.
    
    Adrien wusste, dass sie ihn nicht küssen würde, bevor sie ging. Das war Teil der Tonart.
    
    Aber sie würde zurückkommen. Spätestens, wenn er wieder Des-Dur spielte.
    
    A-Dur -- „Die Jüngere im Flur"
    
    Beethoven. Sonate op. 28. A-Dur. Der erste Satz wie eine Lichtung zwischen zwei Tagen.
    
    Adrien setzte sich an den Flügel. Der Saal war kleiner heute. Intimer. Und wärmer. Das Publikum bestand, wie so oft, aus silberhaarigen Frauen mit seidigen Tüchern, Männern in zu großen Jacken, vereinzelten Paaren, die einander längst nichts mehr zu sagen hatten. Doch heute -- heute war da sie.
    
    In der vierten Reihe, etwas nach links versetzt. Kaum zwanzig, wenn überhaupt. Eine Bluse, hellblau wie ein Frühlingsvormittag, ein Rock, zu kurz für diesen Anlass, aber getragen mit jener leisen Ahnung, dass sie damit auffiel. Sie trug keine Perlen, kein Parfum, keine Geschichte. Nur sich selbst.
    
    Adrien hatte sie beim Reinkommen gesehen -- die Art, wie sie sich umschaute, nicht arrogant, sondern neugierig. Als würde sie etwas erwarten, von dem sie selbst noch nicht wusste, ob ...
    ... sie es wollte.
    
    „So jung, und doch hier?", dachte er. „Die Jugend verirrt sich nicht mehr in Beethoven."
    
    Aber sie war gekommen. Und er wusste, dass sie mehr hören würde, als ihr bewusst war.
    
    Er ließ die ersten Takte fließen. A-Dur -- hell, fließend, pastoral. Doch unter der Oberfläche lauerte mehr. Seine Finger bewegten sich über die Tasten, nicht nur im Dienst der Noten, sondern im Dienst einer Vorstellung. Wie er über ihre Haut gleiten würde, dachte er. Über weiße Flächen -- zart und schimmernd -- wie über ihre Schenkel, ihre Hüften, ihre Arme. Dann über die schwarzen -- schmaler, härter, vertieft -- wie über die Stellen, die man nicht gleich sieht, aber nicht vergisst, wenn man sie einmal berührt hat.
    
    Die schwarzen Tasten waren wie Schatten an ihrer Haut. Seine Finger ritten leicht über sie hinweg, streichelten, vibrierten, sprangen. In einem Moment waren sie weich wie Seide, im nächsten fordernd wie ein gezogener Bogen. Mal streiften sie nur, kaum spürbar, wie ein Hauch an der Innenseite ihres Oberschenkels. Mal hämmerten sie -- wie ein Stoß, unerwartet, rhythmisch, tief.
    
    Er stellte sich vor, wie seine Finger in ihre feuchte Wärme tauchten, wie sie zuckte unter einem plötzlichen Arpeggio, wie sie bebte, wenn er einen Triller auslöste, dort, wo sie besonders empfindlich war. Die weißen Tasten waren wie ihre Brust -- offen, sichtbar, bereit. Die schwarzen -- wie ihr Hals, ihr Nacken, ihre Lenden -- Stellen, die sich erst öffnen, wenn man sie mit der richtigen ...
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