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Doro 05: Abgeholt
Datum: 22.08.2022, Kategorien: Nicht festgelegt,
... hielt die Wärter nicht davon ab, ihren Auftrag zu erfüllen. Unverzüglich packte einer die Gesuchte am Arm und zerrte sie mit sich. Der zweite wandte sich der informellen Anführerin der Küchenmannschaft zu. Diese hatte selbstverständlich verstanden, worum es ging, zog ihrerseits aber nur fragend eine Augenbraue hoch, um ihre Würde zu wahren. Nach außen wirkte sie völlig ruhig, innerlich war sie jedoch irritiert, weshalb man die Deutsche derart überraschend und ohne erkennbaren Anlass abholte. Die hin geschnauzten schroffen Worte hatten keine Andeutung enthalten, wohin sie gebracht werden sollte und was der Grund war. Sie musste unbedingt wissen, was dahintersteckte, ohne preiszugeben, dass sie im Dunklen tappte. Wenn offenkundig wurde, dass in dieser Küche etwas ohne ihr Wissen -- und ihre unausgesprochene Zustimmung -- passierte, würde das ihre Autorität empfindlich beschädigen. Durch ihren erhöhten Sitz war sie auf Augenhöhe mit dem Kraftprotz. Sie schwieg und starrte ihn an. Zumindest wusste er um ihren Einfluss unter den Insassen und wagte es nicht, sie links liegen zu lassen. [„Befehl direkt vom Chef"], knurrte er. [„Und warum will er sie sehen?"] Die Frage war ein Schuss ins Blaue, sie hatte keine Ahnung, wohin das Mädchen tatsächlich gebracht werden sollte, aber nach dem, was sie sich zusammengereimt hatte, war es nicht abwegig. [„Geht dich nichts an."] [„Wann bringt ihr sie zurück?"] [„Musst du nicht wissen."] [„Denke ich doch. In der Zelle sind ...
... Sachen, die sie mitnehmen will, wenn sie verlegt wird."] [„Die braucht sie nicht mehr. Kannst du behalten."] Also sollte die Kleine aus dem Bau herausgebracht werden. Das war neu und warf Folgefragen auf. Aber Tanja war sich sicher, dass sie aus dem bulligen Wächter in diesem Moment nicht mehr herausbekommen würde. Elegant glitt sie seitwärts von ihrem Sitz und zeigte ihrem Gegenüber die kalte Schulter, womit allen Anwesenden demonstriert wurde, dass sie das Gespräch beendete und nicht umgekehrt. Schade, gerne hätte sie sich von ihrer Schülerin noch gebührend verabschiedet, doch sie konnte absehen, dass dies nicht mehr möglich sein würde. * In Doro wuchs die Angst, während sie von den Muskelmännern durch lange Flure und viele Treppen hinauf geführt wurde. Was hatte man mit ihr vor? Warum kam ihre große Freundin nicht mit oder hatte ihr zumindest erklärt, was los war? Ihr wurde bewusst, wie sehr sie von der Führung und dem Schutz, den ihr die erfahrene Mitgefangene gewährt hatte, abhängig war. Vor einer mit einem für sie unentzifferbaren Namensschild versehenen Tür kamen sie zum Halt. Ein Klopfen und eine durch das dicke Holz gedämpfte Antwort später wurde sie geöffnet und die Gefangene hindurch geschoben. Sie fand sich in einem überdurchschnittlich großen Büro wieder. Auf dem ausladenden Schreibtisch, der den Raum dominierte, standen ein relativ moderner Computer und ein breiter Bildschirm. Der Besitzer legte den Telefonhörer, in den er eben noch gesprochen ...