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Doro 05: Abgeholt
Datum: 22.08.2022, Kategorien: Nicht festgelegt,
... hatte, auf die Gabel und sah die Ankommenden abschätzig an. Selbstverständlich wusste er nur zu gut, wer vor ihm stand, doch er wahrte den Schein. Er zog ein Papierbündel über die Tischplatte vor sich, hob den Aktendeckel an und las in Ruhe das Deckblatt. Die Delinquentin wurde zusehends nervöser, je länger sie zwischen den strammstehenden Wachen auf dem dünnen, abgewetzten Teppich warten musste. Wenn sie doch nur wüsste, warum man sie hierhergeschleppt hatte. Sehnlich wünschte sie sich in die Sicherheit ihrer Zelle bei Tanja zurück. Sie hatte ihren Kopf nach vorn sinken lassen und versuchte, unter den Augenlidern heraus schielend einen Eindruck von ihrem Gegenüber zu gewinnen. Der Bulle trug ein Uniformhemd, an dessen Kragen ein goldener Stern angebracht war. Es spannte über massigen Muskeln an Brust und Armen, aber genauso um die Körpermitte. Er wirkte wie ein ehemaliger Boxer, der mit dem Training aufgehört hatte und aus dem Leim gegangen war. Das breite, runde Gesicht mit der flachen Nase verstärkte diesen Eindruck. Das Übergewicht bügelte Falten aus, was es ihr schwer machte, sein Alter zu schätzen. Anhand des vollen schwarzen Haars, das an den Schläfen schon ergraute, der buschigen Augenbrauen und des wuchernden Schnurrbarts würde sie auf Anfang bis Mitte fünfzig tippen. Er ließ die Mappe lässig zuklappen und wandte sich an die zwei Untergebenen, die daraufhin zackig wendeten und aus dem Raum marschierten, während er die Zurückbleibende fixierte. Als er sie ...
... ansprach, hob sie entschuldigend die Schultern und schüttelte den Kopf. Nach kurzem Zögern wechselte er versuchsweise in Französisch. [„Sie sind Mademoiselle Hoker?"] Doro war überrascht, dass ein Provinzbeamter diese Fremdsprache beherrschte, und gleichzeitig erleichtert, dass sie sich zumindest mit ihm verständigen konnte. Ein wenig ihrer Befangenheit fiel von ihr ab. [„Ja."] Nach dem kurzen Austausch ignorierte er sie scheinbar und konzentrierte er sich wieder auf die Papiere, blätterte raschelnd darin herum und las einzelne Textpassagen. Derweil harrte die schmächtige Frau stumm und bewegungslos vor ihm aus. Auf ihrer Seite des Tisches waren lediglich ein paar Besucherstühle an der Wand aufgereiht, so dass sie völlig alleine und schutzlos inmitten der weiten offenen Fläche stand. Als sei es eine nebensächliche Tatsache, erwähnte er, eines der Dokumente zur Seite legend: [„Sie haben einen einflussreichen Gönner, der für ihre vorzeitige Freilassung sorgt."] Doro blieb die Luft weg und gleichzeitig schlug ihr plötzlich das Herz bis zum Hals. Sie wollte kaum glauben, was sie hörte, und hoffte inständig, dass sie die Vokabeln nicht missverstanden hatte. [„Natürlich muss ich"], führte er weiter aus, wobei er sich in seinem Chefsessel zurücklehnte und die Fingerspitzen beider Hände weit aufgefächert aneinanderlegte, [„dem vorher zustimmen."] Auf einmal fühlte sich die Stehende wie eine winzige Maus, die aus ihrem Loch gekrochen war, um ein Stück Käse ...