1. Doro 05: Abgeholt


    Datum: 22.08.2022, Kategorien: Nicht festgelegt,

    ... zu naschen und sich stattdessen einer großen, hungrigen Katze gegenübersah. Das Hochgefühl war wie weggeblasen und sie schluckte trocken, bevor sie etwas sagen konnte.
    
    [„Und? Werden Sie zustimmen?"]
    
    [„Nun, das hängt ganz von Ihnen ab."]
    
    [„Was muss ich tun?"]
    
    Statt einer Antwort musterte er sie nur stumm über seine zusammengelegten Hände hinweg. Seine Haltung brachte überdeutlich zum Ausdruck, dass er vollkommene Macht über sie und ihre Zukunft hatte. Doro wagte keinesfalls, ihre Frage zu wiederholen. Bange Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten. In ihren Gedanken entstanden Möglichkeiten, was sie tun könnte, und wurden als sinnlos wieder verworfen.
    
    Ihre unveräußerlichen Rechte einzufordern oder ein faires Verfahren zu verlangen, war ebenso illusorisch, wie darauf zu hoffen, dass man sie einfach freiließ.
    
    Ihre Mentorin hatte sie gelehrt, dass in dieser speziellen Welt alles auf ein Geschäft hinauslief. Auf Angebot und Nachfrage und den relativen Wert der Waren. Das war alles, was zählte. Er hatte seinen Zug gemacht und wartete auf ihren Gegenzug. Aber was hätte sie ihm anzubieten?
    
    Er starrte sie noch immer wortlos an, wahrte das perfekte Pokerface. Sein geschulter Blick erkannte, wie sehr er sie erschüttert hatte. Sie war sicherlich kurz davor, allem zuzustimmen, um das Gefängnis verlassen zu dürfen. Ihr im übertragenen Sinn die offene Tür zu zeigen, um diese im nächsten Augenblick vor der Nase zuzuschlagen, hatte das Feld bereitet. Nun müsste er nur noch ...
    ... ein wenig nachlegen.
    
    Er fasste in eine Schublade und förderte einen brauen Briefumschlag zu tage, dessen Inhalt er auf den Tisch schüttelte. Sofort erkannte Doro ihre persönlichen Gegenstände, die man ihr bei der Verhaftung abgenommen hatte. Das konfiszierte Mobiltelefon fehlte logischerweise. Sie nahm diese Geste als Hinweis darauf, dass ihre Entlassung tatsächlich bevorstand.
    
    Ihr brach der Schweiß aus. Die Situation überforderte sie. Sie fürchtete, einen blöden Fehler zu machen, der diese unglaubliche Chance zunichtemachen könnte. Es fiel so schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Was würde Tanja in dieser Situation tun, überlegte sie? Nein, das war der falsche Weg. Richtig war: Was würde Tanja von ihr in dieser Situation verlangen?
    
    Beinahe wäre sie automatisch in die Knie gegangen, um sich vor dem Schreibtisch niederzuwerfen, so fest war sie ihrer Herrin verbunden. Der Impuls, sich zu unterwerfen und demütigen zu lassen, war geradezu übermächtig, wenn sie an die große, willensstarke Frau dachte. Ihre Beine zitterten und es kostete Anstrengung, aufrecht stehen zu bleiben.
    
    [„Ich ... ähm ... was"], stotterte sie, [„was muss ich tun, um frei zu kommen?"]
    
    [„Sie könnten damit anfangen, diese für die Freiheit unangemessene Anstaltskleidung abzulegen."]
    
    Jede für eine solche Aufforderung normale oder angemessene Reaktionen raste an Doros Verstand vorbei. Keine davon kam über ihre Lippen. Stattdessen griff sie, ohne auch nur ansatzweise zu protestieren, den Saum ...
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