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Cowboy und Indianer (genau wie früher)
Datum: 26.09.2022, Kategorien: Sonstige,
... Haustür schritt, erwartete ich jeden Moment, dass die beiden Knirpse auf mich zugelaufen kamen. Stattdessen stand ein junger Mann mit mittellangen hellbraunen Haaren vor mir und starrte mich an, als wäre ich gestorben und völlig unerwartet wieder auferstanden. Seine wunderschönen braunen Augen waren sanft wie immer. "Hallo Julian. Du kannst den Mund ruhig wieder zumachen. Ich bin es wirklich." "Na super, ihn erkennst du sofort", maulte Johann, der gerade den Einkauf in die Küche brachte. Julian kam auf mich zu und umarmte mich schluchzend. "Wie schön, dass du wieder da bist!" Überwältigt von seiner Wiedersehensfreude wurden auch meine Augen feucht. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich einen solchen Eindruck bei euch hinterlassen habe. Es war doch nur ein Jahr." "Das schönste meines Lebens." "Da muss ich meinem Bruder ausnahmsweise rechtgeben. Du warst wirklich klasse und wir beide ziemlich in dich verknallt." Johann grinste ein wenig verlegen, was bei ihm eher untypisch war. "Mit sieben?" "Du hast damals unglaublich süß ausgesehen. Insbesondere wenn du Zöpfe getragen hast." "Da musst du mich verwechseln. An Zöpfe kann ich mich ehrlich gesagt gar nicht erinnern." "Wir uns schon. Hol doch mal das Fotoalbum, Julian." Zehn Sekunden später kam dieser schon wieder zurück. "Ihr seid gut organisiert", sagte ich anerkennend. "Wir haben es uns erst letzte Woche wieder angeschaut", gestand mein Lieblingszwilling. Zu meiner Überraschung handelte es ...
... sich nicht um ein Familienalbum, das zufälligerweise auch ein paar Fotos von mir enthielt. Vielmehr war es ein Album, in dem sich fast ausschließlich Bilder befanden, auf denen ich zu sehen war. "Entweder war mein Vater ebenfalls ein großer Fan von dir oder er hatte damals gerade die Liebe zu seiner alten Spiegelreflexkamera wiederentdeckt", versuchte sich Julian an einer Erklärung. Mit großen Augen blätterte ich durch die Seiten. Wie konnte das alles schon so lange her sein? Und warum hatte ich damals einen solch merkwürdigen Modegeschmack besessen? "Gleich kommt mein Lieblingsfoto!", meinte Johann und ich war gespannt, welches das sein würde. "Ach du meine Güte!", entfuhr es mir und ich schlug das Album sofort zu. "Das ist aber nur bedingt jugendfrei." "Schlag es wieder auf. Wir kennen es ohnehin schon in- und auswendig." Schnell stand ich auf und ging in Richtung Küche. "Ich glaube, ich fange lieber mal mit dem Kochen an. Und wehe, ihr holt euch in der Zwischenzeit einen runter!" Während ich mich um den Kartoffelbrei und die Erbsen und Möhren kümmerte und etwas später die Fischstäbchen in die Pfanne gab, befand ich mich in Gedanken bei diesem Tag im Juli vor zwölf Jahren. Wir hatten Cowboy und Indianer gespielt. Ich war eine Squaw gewesen und vom Cowboy Johann mit einem Seil an den Marterpfahl bzw. die alte Eiche im Garten gefesselt worden. Wenn man so wollte, handelte es sich hierbei gewissermaßen um meine erste Bondageerfahrung. Weil ich mein ...