-
„Die Kunst braucht mehr nackte Männer!“ - von einem Multitalent, das auszog, um ausgezogen zu werden
Datum: 18.01.2023, Kategorien: Kunst,
... gesagt. Dann meinte sie: „Das können Sie immer noch tun, wenn Sie den Vertrag bei der Künstleragentur in der Tasche haben. Belassen wir es für heute beim Händeschütteln.“ Das taten wir, danach fuhr ich nach Hause und rief gleich bei der Künstleragentur Graf an, wo mir die sympathische Damenstimme am Telefon schon für den nächsten Vormittag einen Vorstellungstermin gab. Wieder hatte ich meinen besten und einzigen Anzug an, als ich zu der Adresse am Stadtrand fuhr, denn a) wollte ich den Job unbedingt haben und b) wollte ich Sylvia Meisinger nicht enttäuschen. Von der Künstleragentur sah ich zunächst mal nur einen gut zwei Meter hohen und bestimmt zwanzig Meter langen silbrig glänzenden Metallsichtschutzzaun. Etwa in der Mitte befand sich ein Tor für die Einfahrt und daneben eine Tür. „Künstleragentur Graf“ stand in verspielter Schrift auf einem Schild neben dem Klingelknopf. Ich drückte ihn, und ein paar Augenblicke darauf summte der Türöffner. Ein bisschen aufgeregt war ich schon, als ich das Grundstück betrat und hinter einem weitläufigen, perfekt geschnittenen Rasen einen strahlend weißen Bungalow ausmachte – mit obligatorischem, überdachten Swimmingpool daneben. Das Ganze hatte ein bisschen was von Jurassic-Park – aber zum Glück ohne Urzeitmonster. Vermutlich sollte dem Besucher werden: „Hier ist jemand erfolgreich und hat Geld. Tritt ein und benimm´ dich entsprechend demütig!“. In der geöffneten Haustür standen eine Frau und eine Mann, die perfekt zum Ambiente ...
... passten: Sie waren angezogen, als kämen sie geradewegs aus der Nobelboutique. Die Kleider, die sie am Leibe trugen, hatten wahrscheinlich mehr gekostet, als mein gesamter Bankkredit ausmacht. Frau Graf war ungefähr im gleichen Alten wie meine Bankerin und auch fast so hübsch und noch ein bisschen blonder. Ihrer perfekten halblangen Dauerwelle nach zu schließen war ihr letzter Friseurbesuch noch keine 24 Stunden her. Ihre Fingernägel waren lang, gepflegt und in einem auffälligen Pink lackiert, ihr Gesicht war so stark geschminkt, als hätte sie gleich einen TV-Auftritt. Ihr Mann war ein paar Jahre älter als sie und machte ebenfalls einen Eindruck wie aus dem Ei gepellt. Beide begrüßten mich aber freundlich und baten mich hinein. Die Einrichtung hielt, was die Fassade androhte: Alles sah teuer aus, aber für meinen Geschmack war es überladen. Überall Glanzlack und Deko-Schnickschnack. Wir nahmen im Büro Platz. Die Grafens beteuerten, sie wüssten selbst, wie schwer das Künstlerleben sein könne; sie hätten das auch alles schon durchgemacht. Das sei aber schon ein paar Jahre her. Seit sie von der Bühne ins Management gewechselt seien, laufe alles ein bisschen besser. Und bei dem Wort „bisschen“ lachten beide jovial. Meine künstlerischen Fähigkeiten und Erfahrungen waren bei dem ersten Gespräch kein großes Thema, was mich damals schon ein wenig wunderte. Damals … Schon nach ein paar Minuten hielt ich den Vertrag in Händen. Ich überflog ihn und stellte fest, dass er ähnlich wie alle ...