1. Ausgrabungen


    Datum: 22.02.2023, Kategorien: Reif

    ... anderem nach Herculaneum, der zweiten aber deutlichen kleineren Stadt, die dem Ausbruch des Vesuvs zum Opfer gefallen war, dann den Vesuv hinauf und den riesigen Krater bewundernd, der der Anfang dieser schicksalhaften Katastrophe war.
    
    Die stumme Drohung für eine ungewisse Zukunft, denn nach Ansicht der Experten hatte der Vesuv noch längst nicht sein Zerstörungspotential verloren, war ein Ausbruch in einer absehbaren Zeit nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich und unabdingbar.
    
    Auch für uns bedeutete es letztendlich, dass wir eine Momentaufnahme der Vergangenheit entrissen, die ohne weiteres in der nahen Zukunft schnell wieder ausgelöscht und für immer verloren sein könnte. Gleiches galt für die Gegenwart, die dichtbesiedelten Hänge des Vesuvs und der anliegenden Dörfer und Städte, die Menschen und Schicksale, die sich damit verbanden.
    
    Obwohl Frühwarnsysteme Todesopfer ausschließen sollten, die in diese Landschaft und Heime verwurzelten
    
    Leben
    
    könnte niemand evakuieren. Vielleicht war das Leben deshalb hier so intensiv, so voll und üppig, so frei und so voller Liebe, so fruchtbar wie die Landschaft selbst. Weil der Zyklus des Lebens sich hier selbst befruchtete und nur mit dem Tod schließen konnte, dem Ende und gleichzeitig einem neuen Anfang.
    
    Die Arbeiten schritten voran, nicht gleichmäßig, wir trafen immer wieder auf unerwartete Hürden und Hindernisse, aber stetig, und schon Anfang August war nicht der Grundriss der gesamten Villa durch die Arbeiten ...
    ... aller vier beteiligter Gruppen ersichtlich, wobei die Amerikaner bereits wieder quasi mit leeren Händen abgereist waren, sondern hatten wir auch neben den Außenwänden gut einen Meter der Innenwände freigelegt.
    
    Die dabei ans Tageslicht kommenden Wandmalereien schienen zu unserer überschäumenden Freude auch weitestgehend intakt. Florale Muster an manchen, eine Malerei nach der Art einer perspektivischen Erweiterung des Raumes in anderen, wie ich sie schon in anderen Villen hier und anderswo bewundert hatte, einer auf unserer Parzelle mit den Köpfen einer dargestellten Gruppe von Menschen. Zentimeter für Zentimeter legten wir mehr frei, gestaltete sich die Folge wie ein über Wochen anhaltender historischer Striptease.
    
    Und doch war die Arbeit nur ein Teil der sich immer noch steigernden Erfahrung, in der wir verfangen waren. Gab es Realitäten, die eingearbeitet und verwoben werden mussten. Für Lenny bedeutete dies zum Beispiel ihre Mutter von unserer Beziehung zu informieren, was zu einem fast zweistündigen und für Lenny hoch emotionalen Gespräch am Telefon geriet, das ich hilflos miterleben musste, weil ich nicht eingreifen konnte.
    
    Nach Giselle war ihre Mutter die erste, die wirklich negativ auf diese Neuigkeiten reagierte und Lenny in Tränen und Wut ausbrechen ließ. Wie diese hätte sie vermutlich ihre Vorurteile und Bedenken abbauen können, wenn sie uns zusammen erlebt hätte. So aber erreichte sie nur die nackte Information, die abstrakte Wirklichkeit, dass ihre über alles ...
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