1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... ich es, ich bin ja längst so weit, dass ich glaube, alles was geschieht, geschieht mir, jede Bewegung, jeder Blick, jeder Satz, der in dieser verdammten Gesellschaft fällt, ist auf mich gerichtet, ist gegen mich gerichtet oder auf mich projiziert, sie stehen da also, Claudia, die ewig berechnende, die ewig ironisch Beinhart-klare, die mich nahm, ohne zu nehmen, die mich benutzte, um sich selbst etwas zu beweisen, oder der anderen etwas wegzunehmen, sie nahm mich, weil die andere mich nicht wollte, weil sie wusste, dass ich die andere wollte, weil sie wusste, dass sie nur die zweite Geige war, und sie war zu stolz für zweite Geigen, und darum machte sie mich zum ersten Opfer, zur Trostfigur, zum bewussten Umweg, zur Trophäe der verletzten Eitelkeit, und dann die andere, diese Göttin der Ablehnung, diese königliche Ablehnung auf zwei Beinen, diese Priesterin des Nichtgewolltwerdens, die nie etwas tat, nie sprach, nie küsste, nie auch nur andeutete, dass ich sie begehren durfte, und doch tat ich es, wie ein Hund, wie ein räudiger, alternder, sabbernder Hund, und jetzt steht da diese Dritte, diese Tochter, diese lächerlich junge, lächerlich alte Tochter, die viel zu sehr in der Welt ist, um noch naiv zu sein, und viel zu wenig verbraucht, um uninteressant zu sein, diese Tochter, die mich ansieht, wie man eine Wunde betrachtet, in einem fremden Körper, mit Ekel und Neugier zugleich, und sie sieht mich an, mit diesen Augen, diesen Lippen, diesen Schultern, und ich denke, oder ...
    ... ich höre es, ich weiß es nicht, vielleicht denke ich es, vielleicht sagt sie es, vielleicht sagt sie es nicht, aber ich höre es:„War meine Mutter besser als Claudia?", ich höre es wie einen Peitschenhieb, wie eine Unverschämtheit, wie eine Obszönität, und ich will sagen: Was redest du da, Kind, aber ich sage nichts, weil ich weiß, dass ich es längst gedacht habe, gedacht, seit ich sie gesehen habe, das erste Mal, damals, wie sie zur Tür hereinkam und Beate noch lebte, aber schon ging, innerlich schon gegangen war, und sie stand da mit diesem Blick, der nicht mehr Tochter war, nicht mehr Erbe, sondern Möglichkeit, diese verdammte Möglichkeit, diese gottverfluchte Möglichkeit einer Wiederholung, einer späten Wiederholung mit neuen Worten, neuen Geräuschen, neuen Öffnungen, und ich sah sie, und ich sah Beate, und ich sah Claudia, und ich sah mich selbst, und ich dachte: Ja, vielleicht, wenn sie fragt, wenn sie es wirklich wissen will, wenn sie fragt, ob ihre Mutter besser war, dann sage ich, ja, von hinten war sie besser, weil sie es wollte, weil sie es verlangte, weil sie es forderte, weil sie keine Angst hatte, weil sie es für sicher hielt, ja,von hinten ist sicher, oder?, hat sie gesagt,ohne Gummi ist es doch sicher, wenn es von hinten ist, und ich lachte, damals lachte ich, ich sagte, „du bist nicht ganz dicht", und sie sagte, „aber du bist gleich dicht, wenn du in mir bist", und das war ihre Art zu sprechen, diese ordinäre, ehrliche, schmutzige, gelebte Art, die Claudia nie ...
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