1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    Einleitung... eine Erregung?
    
    Es war nicht geplant. Es war nicht Ziel. Es war keine Absicht, und doch vielleicht das einzig Mögliche - dieses Schreiben. Dieses wüste, irrlichternde, rhythmisch peitschende Schreiben, das weder Roman sein will noch Bekenntnis, nicht Essay und nicht Protokoll, nicht Erzählung und doch nicht ganz ohne Handlung, nicht ganz ohne Körper, nicht ganz ohne Begehren. Es war ein Experiment, und es ist immer noch eines, auch in diesem Moment, da diese Zeilen entstehen, nicht wissend, was sie im nächsten Satz behaupten oder widerrufen werden.
    
    Angefangen hat alles mit einer Stimme. Genauer: mit der Stimme von Nikolaus Ofczarek. Mit dieser alles zerlegenden, alles verzehrenden, alles durchdringenden Stimme, mit der er Thomas Bernhards „Holzfällen. Eine Erregung" las, nicht sprachlich, sondern körperlich. Lesend wie prügelnd. Lesend wie vergewaltigend. Lesend wie schreiend. Und man saß da, als Zuhörer, als Mitwisser, als jemand, der selbst auf diesem Sessel saß, den Thomas Bernhard beschreibt, in diesem Zimmer, das zur Folterkammer des Denkens wird, der Beobachtung, der Wiederholung, der Monotonie, der Erregung eben - dieser eigentümlich literarischen Erregung, die nicht in der Lust ihren Ort hat, sondern in der Reibung des Geistes an der Oberfläche der Welt.
    
    Und so wurde aus dieser Lesung ein Nachhall. Ein Impuls. Ein Zwang, selbst zu schreiben. Aber was? Etwas Vergleichbares? Etwas ganz anderes? Natürlich nicht Bernhard. Aber auch nicht gegen ...
    ... Bernhard. Sondern: Mit ihm. In seinem Schatten. In seiner Manier. Im Wissen um die Unwiederholbarkeit und dennoch in der Lust an der Bewegung, die er in Gang gesetzt hat. Ein Text also, der von sich selbst weiß, dass er sich reibt. An sich. An anderen. An Sprache. An Körpern. An Lust. An Schuld. An Ekel.
    
    Denn das war die zweite Quelle. Die zweite Stimme. Nicht die aus dem Lautsprecher, sondern die aus dem eigenen Inneren. Die sich regte, wenn man zurückblickte auf Begegnungen, auf Momente, auf erotische Verwicklungen, die nie nur erotisch waren, sondern immer auch etwas anderes: Machtspiele, Schuldverschiebungen, Projektionen, Beweissicherungen. Eine Lust, die schon beim Entstehen den Keim ihres Ekels in sich trug. Eine Erotik, die nie nur wollte, sondern immer auch ablehnte. Und das wollte geschrieben werden. Nein: es musste. Nicht weil es schön wäre. Sondern weil es wahr war. Oder zumindest wahrhaftig.
    
    Und so kam dieser Text zustande. Dieser Monolog eines Ichs, das kein Ich ist, sondern eine Figur, eine Stimme, ein Brennpunkt, an dem sich andere kreuzen. Beate. Claudia. Die Tochter. Die Ermittlerinnen. Die Gestalten. Die Schatten. Die Erinnerungen. Die Anderen und die Namenlosen. Die nicht genannten und doch durchklingenden! Die Wiederholungen. Das, was war, und das, was nicht war, aber gedacht wurde, geträumt, gefürchtet, gewollt, projiziert. Eine Bewegung von innen nach außen und wieder zurück. Ein Text, der sich selbst beobachtet, während er spricht.
    
    Es ist, wenn man ...
«1234...71»