1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... so will, eine Parodie. Aber nicht im Sinne des Lächerlichen. Sondern im Sinne der ernsthaftesten literarischen Praxis: der Wiederaufnahme, der Spiegelung, der Brechung. Es ist ein Text über Text. Über den Text des Körpers. Über den Text der Lust. Über den Text der Erinnerung. Über den Text der Sprache selbst, die sich windet, sich windet, sich wiederholt, sich steigert, sich verliert, sich wiederholt.
    
    Und irgendwann, mittendrin, stellte sich die Frage: Was ist das hier? Ist es eine Geschichte? Ein Roman? Ein Bericht? Eine Beichte? Ein Versuch? Ja. Vielleicht ist es genau das: ein Versuch. Im doppelten Sinne. Ein literarischer Versuch, sich an etwas heranzutasten, das sich nicht greifen lässt. Und ein psychischer Versuch, sich von etwas zu befreien, das sich nicht abschütteln lässt.
    
    So liest man vielleicht anders. So liest man vielleicht weiter. Nicht, weil man muss. Sondern weil man nicht anders kann. Weil man mitgeht. Mitdenkt. Mithört. Weil man sich selbst dabei ertappt, dass man atmet. Stärker atmet. Ungleichmäßiger atmet. Und weil man dann erkennt: Man ist nicht allein. Auch das Denken ist ein Körper. Und dieser Text - ob er nun Literatur ist oder nicht - ist sein Ausdruck. Sein Zucken. Sein Nachhall.
    
    Oder, wie Konstantin Wecker sagt: „Genug ist nicht genug" - und man begreift, dass das Schreiben nie ein Maß kennt, sondern nur einen Drang, ein inneres Überlaufen, ein Überschreiten dessen, was gesagt werden darf. Und noch ein anderer Satz von ihm bleibt hängen: ...
    ... „Ich singe meine Lieder nicht für euch, ich singe sie für mich." Kein Anruf der Muse nötig, sagt er sinngemäß, „die surrt schon in meinem Kopf". Und so ist auch dieser Text: keine Eingebung von außen, sondern eine, die drängt, aus sich selbst heraus, die geschrieben werden musste, weil sie sonst nie wieder geschwiegen hätte. Ich hörte die Gedanken schon lange, aber diesmal schwieg ich sie nicht nieder, sondern schrieb sie nieder.
    
    Ob es gelingt? Ob es bestehen bleibt? Ob es gelesen wird? Unwichtig. Wichtig ist nur: Es war notwendig, dies zu schreiben. Und das allein genügt.
    
    Aus der Kaiserstadt im Mai eines weiteren Heiligen Jahres.
    
    De mortuis nihil nisi bene?
    
    Ich saß also in diesem viel zu weich gepolsterten Fauteuil, der mir von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen war, ein lächerlicher Fauteuil, ein monströses Möbelstück, das einzig und allein dazu diente, sich zu repräsentieren, nicht aber zum Sitzen geeignet war, und starrte auf diese Versammlung von Menschen, die sich selbst mit einer beispiellosen Eitelkeit feierten, als hätten sie je in ihrem Leben etwas von Bedeutung geleistet, als wären sie nicht allesamt gescheiterte Existenzen, abgehalfterte Intellektuelle, verlebte Künstlerinnen, wichtigtuerische Galeristen, und dazwischen diese Männer, diese soignierten, sich für überlegen haltenden Männer, mit ihren schütteren Haaren, ihren viel zu eng geschnittenen Sakkos, ihren leeren Blicken und ihrer ekelerregenden Selbstgewissheit, Männer, die von nichts anderem ...
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