1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... verlieren und ineinander vergessen, nur eines nicht, keinesfalls. Sich nicht ineinander verlieben, denn das unterscheidet sich nicht viel von verlieren. Dieser Sturz von einem i zum o oder aber b zum r und wie nah sie beieinander lagen, diese zwei Worte, verlieben und verlieren, ein Vokal nur, ein einziger Laut, wie ein Wimpernschlag, und alles war anders, alles war weg, entglitten, vorbei - wie oft hatte ich mich verloren, wenn ich glaubte, verliebt zu sein, oder mich verliebt, nur um mich zu verlieren - ein einziger Unterschied, ein Buchstabe, eine Illusion.
    
    Ich sah sie an, dort am Tisch, wie sie in ihren Champagner blickte, den Blick senkte, dann wieder hob, dieses geübte Spiel, das mir einmal so aufregend erschienen war, so geheimnisvoll, so weiblich - jetzt war es nur noch traurig, vorhersehbar, mechanisch.
    
    Ich stellte mir vor, wie es wäre, wenn ich jetzt aufstünde, zu ihr hinüberginge, sie bei der Hand nähme, wie damals, als ich sie aus dem Burggarten durch die Hintertür in ihre Wohnung geführt hatte, ohne dass jemand es bemerkte. Ich stellte mir vor, wie ich ihr die Bluse öffnete, die heute zu eng saß, wie damals, nur dass der Körper darunter ein anderer war - nicht mehr dieser gespannte, leicht flirrende Körper, sondern ein müder, vielleicht enttäuschter, vielleicht längst aufgegebener.
    
    Und doch, sagte ich mir, vielleicht würde ich es tun, wenn der Ekel nicht wäre. Der Ekel vor der Wiederholung, der Ekel vor dem Erwartbaren, der Ekel vor mir selbst. Ich ...
    ... wüsste, wie sie sich verhalten würde - sie würde den Kopf zurückwerfen, sie würde sagen: „Ach, du schon wieder", mit diesem falschen Lächeln, und sie würde sich entkleiden, rasch, fast hastig, weil sie immer Angst hatte, es sich anders zu überlegen, sich selbst das zu verbieten, was sie eigentlich wollte.
    
    Ich stellte mir vor, wie ich ihre Schenkel auseinanderzog, wie ich in sie eindrang, und es war ein Bild, das mich zugleich erregte und abstieß - ein Bild, das aus der Vergangenheit kam, aber sich in der Gegenwart einnistete, wie ein Parasit, ein warmes, feuchtes, schweres Bild, das sich nicht mehr vertreiben ließ, weil es zu viel war, zu körperlich, zu echt, zu gegenwärtig. Und ich hörte es. Dieses Geräusch. Dieses leise, aber unüberhörbare Geräusch, das entsteht, wenn man in sie eindringt. Dieses Schmatzen, dieses Glitschen, dieser feuchte Widerstand, der keiner ist, dieser Widerstand, der sich ergibt, der sich öffnet, der alles erlaubt, der nichts zurückhält, und der doch genau durch dieses Erlauben alles verliert, was uns einmal als Würde erschienen war. Ich roch es. Noch bevor ich mich bewegte, roch ich sie. Diesen Duft, diesen fast süßlichen, fast metallischen, fast blumigen Geruch, der nichts mit Parfum zu tun hatte, sondern mit ihr, mit ihrem Inneren, mit ihrem Wollen, mit ihrer Bereitschaft, sich nehmen zu lassen, genommen zu werden, ein Geruch, der mich angriff, der mich unterwarf, der mich erinnerte, der mich zwang, mich zu erinnern, an die Nächte, in denen ich kam, ...
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