1. The Shell - Kapitel 01


    Datum: 30.03.2026, Kategorien: Romane und Novellen,

    ... trägem Rhythmus vor sich hin blinkte und flackerte.
    
    Die Psychochirurgie war trotz ihres jungen Alters bereits in vielen Kliniken etabliert. Im Grunde genommen handelte es sich um eine einfache Psychotherapie, mit dem kleinen Unterschied, dass die Patienten im Koma lagen und der Therapeut sich mit Hilfe der Technik in die Gedankenwelt des Patienten versetzen musste, um überhaupt mit ihm kommunizieren zu können.
    
    Der entscheidende Punkt an dieser Behandlung war, dass der Zustand des Patienten tatsächlich psychische Ursachen haben musste. Befand sich ein Mensch in einem komatösen Zustand, der auf körperlichen Ursachen beruhte, dann war es in seinem Geist für gewöhnlich einfach nur stockdunkel und selbst der beste Psychochirurg der Welt wäre nicht in der Lage, an diesem Zustand etwas zu ändern.
    
    Tom war sich nicht sicher, mit welcher Art von Zustand er es hier zu tun hatte. Da die Befunde der überweisenden Klinik alle unauffällig waren, blieb letzendlich nur ein psychogener Stupor. Er gab es zwar ungerne zu, aber ja, selbst wenn keine traumatischen Ereignisse oder psychische Erkrankungen zugrunde lagen, konnte es in sehr seltenen Fällen zu einem solchen Stupor kommen.
    
    Das Problem daran war nur, dass man diese mit psychochriurgischen Verfahren nur sehr schwer behandelt werden konnte.
    
    „Okay", nahm Tom das Gespräch wieder auf. „Wenn ihr Chef meinen Chef darum gebeten hat, dass ich diese Patientin übernehme,... dann versuchen wir es."
    
    Der Assistenzarzt nickte ...
    ... sichtlich erleichtert, den Klotz an seinem Bein los zu sein.
    
    „Wir schicken ihnen unsere Befunde und Behandlungsresultate -- sofern es welche geben sollte -- dann per Mail zu."
    
    * * *
    
    Tom sah auf seine Armbanduhr. Es war viertel nach vier. Zu früh, um den Tag zu beenden - aber zu spät, um noch sinnvoll an Alina Kahlerts Fall zu arbeiten. Ihre Akte war dünn, zu dünn. Kein Hinweis, keine Vorgeschichte, kein Halt.
    
    Kurz spielte er mit dem Gedanken, noch heute eine erste Sitzung zu wagen. Doch selbst er wusste: Für eine Expedition in eine fremde Gedankenwelt brauchte man mehr als fünfundvierzig Minuten -- vor allem, wenn man selbst noch nicht wusste, was man dort eigentlich suchte.
    
    Leicht genervt, klappte er die Akte zu und beförderte sie mit einem leichten Knall in die Rollschublade seines Schreibtisches. Exakt synchron mit der lautvoll verstauten Akte, flog die Tür auf und Schwester Anja stand im Rahmen.
    
    „Doktor Beckstein", rief sie außer Atem. „Kommen sie schnell. Die neue Patientin hyperventiliert."
    
    „Oha", dachte Tom. Das schien ja gut anzufangen. Gemächlich stützte er sich auf die Armlehnen seines Bürostuhl und stand auf.
    
    „Kein Grund zur Panik. So schnell stirbt man nicht, wenn man hyperventiliert", waren seine Gedanken und mit einem innerlichen Grinsen machte er sich eher Gedanken über die Hyperventilation der Schwester, die in sein Zimmer gestürmt war.
    
    „Okay, schauen wir uns das mal an", sagte er und folgte der Schwester in das Einbettzimmer auf der kleinen ...
«1234...7»