-
The Shell - Kapitel 01
Datum: 30.03.2026, Kategorien: Romane und Novellen,
... Konflikt verhinderten: zum einen die emotionale Stabilität des Therapeuten. Aus diesem Grund wurde die Zulassung als Psychochirurg nur dann erteilt, wenn dieser vorher ein mehrtägiges Assessment erfolgreich absolviert hatte. Die zweite Versicherung gegen ein unfreiwilliges Abdriften in eine kranke Psyche war die Vorbereitung, sprich: das Lesen und Verstehen der sozialen und psychischen Situation des Patienten und eine spezielle Meditationstechnik, die den Therapeuten gegen schädliche Influenzen aus der Gedankenwelt des Patienten abschirmte. Doch er hatte keine Zeit für das übliche Ritual gehabt -- keine 60 Sekunden für das langsame Zählen, keine schützende Visualisierung. Kein Netz, kein doppelter Boden. „Sind sie bereit?" Die Worte rissen Tom aus seiner Gedankenspirale. „Ja. Ja, ich bin bereit." „Okay, dann legen wir los", sagte der Pfleger und aktivierte mehrere Kippschalter an dem Gerät neben Toms Trage. Rote und grüne Lämpchen leuchteten auf. Das Display zeigte ein buntes Wirrwar an Kurven, gegen welche die des Intensivmonitors wie eine Kinderzeichnung wirkten. „Alpha-Flow ist synchron", hörte er die Stimme einer Schwester an seinem Kopfende. „Beta synchronisiert noch", antwortete derselbe Pfleger, der ihn zuvor gefragt hatte, ob er bereit sei. Tom wartete auf den Moment, in dem er absinken würde. Er hatte bereits Hunderte von Sitzungen hinter sich und kannte das Prozedere gut. Er kannte das Gefühl der leichten Müdigkeit, die innerhalb weniger ...
... Sekunden zu bleierner Schwere führte -- und ihn dann in noch kürzerer Zeit in eine surreale Gedankenwelt trug, die nicht seine eigene war. „Worauf warten wir?", fragte die Schwester. „Beta synchronisiert immer noch." Die Zeit zog sich wie Kaugummi. Tom hatte das Gefühl, dass Sekunden vergingen, dann Minuten. Und plötzlich bemerkte er, dass das Piepen des Monitors nicht mehr zu hören war. Vorsichtig öffnete er die Augen. Die Patientin lag weiterhin neben ihm. Ihr Atem hatte sich beruhigt. Aber es war keine Schwester mehr da. Und auch kein Pfleger. „Hallo", rief Tom. Keine Antwort. Verdammt, was war da schief gelaufen? Und seit wann entfernte sich das Personal einfach, wenn ein Psychochirurg gerade im Begriff war, sich zu connecten. Wutentbrannt riss Tom die an ihm festgeklebten Elektroden ab und sprang von der Trage auf. Schwindel erfasste ihn und er hatte das Gefühl, das Zimmer würde sich um ihn drehen. Mit einem letzten Schritt erreichte er die Tür, rieß diese auf und stolperte vorwärts in einen rötlich pulsierenden Gang, dessen feuchte, fleischfarbene Wände zu atmen schienen. * * * Durch die Wucht seines Schwungs stolpert Tom nach vorn und schlägt der Länge nach auf dem Boden auf. Während des Falls, der ihm wie Stunden vorkommt, bereitet er sich intensiv auf den schmerzhaften Aufprall vor. Doch dieser bleibt aus. Ganz im Gegenteil. Als seine Hände den Boden berühren und dann sein nackter Oberkörper und der Kopf folgen, fühlt es sich angenehm und ...