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The Shell - Kapitel 01
Datum: 30.03.2026, Kategorien: Romane und Novellen,
... Intensivstation. Schon im Türrahmen empfing in das hektische Piepen des Monitors, an den die Pflegekräfte Alina Kahlert routinemäßig angeschlossen hatten. Tom hatte genug Erfahrung mit Intensivmedizin um ohne einen Blick auf das Display zu merken, dass die Herzfrequenz der Patientin alles andere als gesund war. „Puls bei 124, HF um die 30", rief ihm ein Pfleger entgegen, der am Kopfende des Bettes stand und eine Spritze aus dem Zugang der Patientin entfernte. „Wir haben ihr zwei Milligramm Lorazepam i.v. gegeben, aber keine Wirkung." Innerhalb weniger Sekunden schaltete Toms Gehirn in den ER-Modus. ER -- Emergency Room. Ein Modus, in dem man schnell und klar entscheidet, aber niemals in Panik oder Hektik verfällt. „1,5 mg Haldol i.v.", ordnete er an. Während der Pfleger ein zweite Spritze aufzog, betrachtete er das Bild auf dem Monitor. Der Blutdruck war mit 140 / 80 Millimetern auf der Quecksilbersäule leicht erhöht, aber in tolerantem Rahmen. Die Herz- und Atemfrequenz beunruhigte ihn allerdings. Sein Blick wechselte vom Display zu der Patientin. Ihr Brustkorb hob und senkte sich hektisch. Ihre Augen waren weit aufgerissen, aber doch tot und leer. „1,5 mg Haldol sind drin." Tom versuchte, sich nicht von dem hektischen Atmen anstecken zu lassen und zählte langsam bis zwanzig. Die Zeit, die das Haloperidol normalerweise brauchte, um zu wirken. Doch es tat sich nichts. „Verdammt", fluchte er leise vor sich hin. „Was hat sie denn?", frage die ...
... Schwester und Tom sah die Unerfahrenheit in ihren Augen. Er schluckte einen bissigen Kommentar herunter und versuchte stattdessen beruhigend auf die Schwester einzuwirken. Zwei hyperventilierende Frauen in einem Zimmer wären ihm dann doch eine Nummer zu groß gewesen. „Ich weiß es nicht. Sie scheint zu kämpfen." „Aber... aber womit?" „Verdammt noch mal", fluchte er dann doch. „Ich weiß es nicht." Für einige Sekunden herrschte Ruhe in dem Raum. Nur das hektische Piepen des Monitors zerriss die Stille. „Ich geh rein", entschied Tom aus einem Reflex heraus. * * * Keine drei Minuten später lag Tom verkabelt auf eine Trage neben dem Patientenbett. Wie jedes Mal, bevor er eine Sitzung abhielt, legte sich eine Gänsehaut über seine Oberarme. Er hatte Respekt vor dieser Technik. Im realen Leben kam es selten vor, dass ein psychotischer Patient einen Arzt oder Pfleger von der Wahrheit seiner Gedanken überzeugen konnte. Wobei „selten" eigentlich „nie" heisst. Zumindest hatte Tom noch keinen solchen Fall erlebt. In der Shell -- so wurde das Verfahren genannt, bei dem sich ein psychologisch ausgebildeter Arzt mittels der technischen Appartur, die nun auf einem rollbaren OP-Tisch zwischen ihm und Alina Kahlert thronte -- war nicht ohne Risiko. Es kam vor, dass mental weniger stabile Therapeuten die surrealen Bilder der Gedankenwelt eines Patienten als real empfanden und diese in ihre eigene Welt integrierten. Im Grunde genommen waren es zwei Dinge, die solch einen ...