1. Die Schatten der Nacht (03)


    Datum: 21.04.2026, Kategorien: Liebende Frauen,

    ... Augen huschten verzweifelt über den Tisch, landeten auf dem eben abgestellten Aperol. Es war wie ein Rettungsanker in einem sinkenden Schiff.
    
    Sie griff nach dem Glas, ihre Hand zitterte so sehr, dass Eiswürfel klirrten. Ohne einen weiteren Gedanken, ohne den bitteren Geschmack wahrzunehmen, stürzte sie den Aperol Spritz in einem Zug hinunter. Der prickelnde, leicht herbe Alkohol brannte kurz in ihrer Kehle, bevor er sich wie ein warmer Schlag in ihrem Magen ausbreitete. Es war eine verzweifelte, fast tierische Geste, um die innere Leere, die brennende Scham und die widerwärtige Lust zu betäuben, die sie quälte.
    
    Als sie das leere Glas wieder auf den Tisch knallte, hob sie den Blick. Und da war er wieder, der Kellner. Er war kaum ein paar Schritte vom Tisch entfernt, wurde aber bereits von der Gruppe Männer an der Bar -- denselben, die sie schon vorhin beobachtet hatten und deren Blicke sie jetzt beinahe ununterbrochen spürte -- ins Gespräch gezogen. Tina sah, wie der Kellner sich zu ihnen beugte, eine Hand wie zum Vertraulichen neben den Mund legte, und etwas murmelte.
    
    Sie musste es nicht hören, um es zu wissen. Sie sah es in ihren Gesichtern. Die Männer grinsten, schoben sich näher zusammen. Ihre Blicke, die eben noch unauffällig gewesen waren, ruhten nun offen, schmierig und amüsiert auf ihr. Es war ein Blick, der sie von oben bis unten taxierte, ihr hochgezogener Rocksaum, Jans Hand, die weiterhin ungeniert auf ihrem Oberschenkel verweilte. Es waren Blicke, die sie ...
    ... auszogen, die sie mental besudelten. Einige von ihnen tuschelten, andere nickten anerkennend, während sie ihr Lachen unterdrückten. Ein Mann hob sogar schelmisch die Augenbrauen und formte mit den Lippen ein stummes "Wow", während er ihr direkt in die Augen sah. Die Scham war nicht mehr nur ein Gefühl, sie war eine physische Präsenz, die sie erstickte. Sie war entblößt, nicht nur ihr Bein, sondern ihre ganze Seele. Jeder einzelne Blick der Männer war eine Bestätigung, dass sie die "geile Schlampe" war, die Jan aus ihr gemacht hatte. Sie spürte, wie eine kalte Gänsehaut über ihren Körper lief, obwohl ihr Gesicht glühte. Eine rasende Wut stieg in ihr auf -- auf Jan, der sie so schamlos ausnutzte und ausstellte; auf den Kellner, der sich zum Komplizen gemacht hatte und ihre Erniedrigung mit Genuss weitererzählte; auf die Männer an der Bar, die sie als Spektakel betrachteten; und am allermeisten auf sich selbst, für ihre Hilflosigkeit und ihre verdammte körperliche Reaktion, die sie nicht unter Kontrolle hatte. Das Gefühl, jegliche Kontrolle über sich selbst, ihren Körper, ihre Situation verloren zu haben, war erdrückend. Sie war ein Objekt, eine Attraktion, die von fremden Männern begutachtet und besprochen wurde. Sie war in diesem Moment nicht Tina, die Ehefrau, die Karrierefrau, die Freundin -- sie war nur ein Stück Fleisch, das zur Schau gestellt wurde. Jeder Blick, jedes Flüstern war ein Stich. Sie fühlte sich verfolgt, als ob jeder im Raum nun von ihrem "Geheimnis" wüsste. ...
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