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Durchschnitt Teil 1
Datum: 28.04.2026, Kategorien: 1 auf 1,
... nicht entdecken. Denn es war ein unauffälliger, weißer, französischer Kleinwagen aus Massenproduktion. Genau so ein Allerweltsauto, wie sie einem jeden Tag zu hunderten begegneten und nicht einmal für Sekunden im Gedächtnis blieben. Zuhause angekommen lud ich meine Sachen aus dem Kofferraum aus. Das ging jetzt etwas leichter, weil ich meine Tasche von der Arbeit hatte und die meisten Dinge darin verstauen konnte. In der Küche sortierte ich alles in die passenden Schränke. Aber zwei Teile blieben übrig. Ich benutze weder Damenrasierer noch koche ich mit Nudelteigplatten Lasagne. So ein Mist. Ich musste versehentlich die Sachen von Durchschnitt mit eingepackt haben. Einen Moment dachte ich 'Was soll es, ist halt Pech.' Aber es kam mir mies vor, ihre Sachen einfach zu behalten. Ich würde mir also gleich eine Jacke anziehen und sie ihr bringen. Da ich wusste, wo sie wohnt und der Weg nicht allzu weit war, würde ich zu Fuß gehen. Ich dachte noch über ein Anstandsgeschenk nach, um mich für ihre Hilfe und die Unannehmlichkeiten, die ich ihr bereitet hatte zu bedanken. Aber ich hatte weder Blumen noch Pralinen zuhause. Nur eine Tafel Bitterschokolade mit einem sehr hohen Kakaoanteil war da. - Für mich mein absolutes Favorit bei Schokolade. Aber damit hatte ich wohl einen ziemlichen Aussenseitergeschmack. Als Geschenk war sie jedenfalls ungeeignet, wenn man denjenigen nicht gut kannte. So machte ich mich auf den Weg und stand zehn Minuten später vor dem Haus in dem sie ...
... wohnte. Ich wusste, dass es die linke Erdgeschosswohnung war. Auch wenn ich noch nie in der Wohnung war, hätte ich den Grundriss und die Ausstattung ziemlich gut beschreiben können. Es war eine Drei-Zimmer-Wohnung. Das Wohnzimmer lag zur Straße hin und hatte einen Balkon. Es war von Außen zu erkennen, dass auf den Fensterbänken viele Bilderrahmen standen. Wahrscheinlich mit Fotos ihrer Familie. Wobei 'Familie' eher bedeutete Geschwister und Nichten und Neffen, Onkels und Tanten. Hätte sie eigene Kinder oder einen Partner gehabt, wären die Fensterbänke nicht so mit anderen Bezugspersonen dekoriert gewesen. Bei eigenen Kindern schon allein deswegen nicht, weil es nicht kindersicher war und bei einem Partner hätte sie keine anderen Bezugspersonen 'aufstellen' müssen. Wenn ich darüber nachdachte, hatte ich im Vorbeigehen auch noch nie eine andere Person in der Wohnung gesehen. Offensichtlich war sie das 'fünfte Rad' in der Großfamilie; die Tante oder Cousine, die so unscheinbar war, dass sie niemand abbekommen hat. Es waren auch erstaunlich wenig Grünpflanzen zu sehen. Sie hatte anscheinend keinen 'grünen Daumen'. Ich ging zum Hauseingang, der sich an der rechten Giebelseite befand. Hier war ein Klingeltableau mit sechs Knöpfen in vertikalen Dreierreihen. In der Hoffnung, dass das Klingeltableau in der Anordnung mit den Wohnungen korrespondierte, drückte ich unten links. Auf dem zugehörigen Namensschild stand 'E. Schrader'. "Ja, bitte. Wer ist da?" klang es kurz später aus der ...