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Durchschnitt Teil 1
Datum: 28.04.2026, Kategorien: 1 auf 1,
... während wir weitergingen. Elisa ging neben mir her und wartete geduldig. Hier kam ich nur raus, wenn ich Elisa die Wahrheit sagte und versuchte, ihr meine Denkweise zu erklären: "Also, ich gehe oft allein Laufen oder Spazieren. Dabei schaue ich mir aufmerksam meine Umgebung an. Aus irgendeinem Grund ist mir im Vorbeigehen Deine Wohnung aufgefallen. - Vielleicht, weil sie so völlig unauffällig wirkte. Und da fing ich an, auf die gerade unauffälligen Dinge zu achten und nicht auf das vordergründig sichtbare." "Und was arbeite ich?" fragte Elisa. Ich dachte nach, wie ich antworten konnte, ohne wieder verletzend zu sein. "Mmmmh, vermutlich arbeitest Du im Büro. Weil Du mich gefragt hast, was ein Tragwerksplaner ist, arbeitest Du wahrscheinlich nicht im technischen Bereich, sondern eher in der Verwaltung oder etwas kaufmännisches." Elisa schaute mich an: "Ok, war schon mal nicht schlecht. Ich bin Bilanzbuchhalterin bei Schneider Interiors." Ich atmete innerlich auf und machte eine unsichtbare Siegesfaust. Bilanzbuchhalterin. - Volltreffer, versenkt. Noch mehr Durchschnitt ging ja wohl nicht. Dreifach grau: Graues Aussehen, graue Wohnung, grauer Job. Irgendwie kam mir Loriot mit seinen Abstufungen von 'grau' in den Sinn. Die Firma Schneider war mir vom Namen her bekannt. Die machten Inneneinrichtungen - und schon wieder musste ich an Loriot und graue Sofas denken. Der Inhaber hatte in der Gegend einen Ruf weg. Er sollte ziemlich cholerisch sein. Ich riss mich zusammen. ...
... "Bilanzbuchhalterin. Das klingt interessant und ist sicher mit viel Verantwortung verbunden. Und der Schneider soll als Chef auch sehr eigen sein." Elisa sah mich jetzt mit einem hintergründigen Grinsen an. Viel zu spät erkannte ich die Gefahr in ihrem Blick. Dann sagte sie mit leiser und seelenruhiger Stimme: "Du hast keine Ahnung von dem was ich tue, machst Dich aber insgeheim lustig darüber und hältst Dein kleines Leben für soviel besser als das anderer Menschen. Und Deinen Voyeurismus tarnst Du als scharfsinnige Beobachtungsgabe." Wow, das hatte gesessen. Noch immer schaute sie mich freundlich an. Aber nun lag etwas in ihrem Blick, dass mich an einen hungrige Eisbärin erinnerte, die neugierig den gefangenen Fisch betrachtet, bevor sie ihn verschlingt. Sie war noch nicht fertig mit mir: "Komm erzähle mir, was so außerordentlich oder überdurchschnittlich an Deinem Statistikerleben ist!" "Statiker, es heißt Statiker" warf ich ein. "Wie bitte?" fragte sie und musste im gleichen Moment loslachen und konnte sich kaum beruhigen. Aber sie war noch nicht fertig mit mir und zitierte einen alten Werbespruch: "Dein Haus, Dein Boot, Dein Auto, Deine Pferde, Dein Pferdepflegerinnen? Was ist besonders an Dir?" Nachdem wir nun minutenlang schweigend nebeneinander her gegangen waren, sagte ich kleinlaut: "Ich kann kochen." Elisa blieb stehen und sah mich ungläubig an. Dann musste sie wieder minutenlang loslachen. Es war so demütigend für mich, dass ich mich am liebsten in Luft ...