1. Wie das Leben so spielt


    Datum: 03.06.2026, Kategorien: Romantisch

    ... will man mehr?"
    
    Martin schmunzelte. Ralph war in seinem Element.
    
    "Und bei dir daheim? Alles friedlich?", fragte Martin, bemüht, das Gespräch nicht ins Belanglose abdriften zu lassen.
    
    "Ach ... das Übliche. Mit Miranda kracht's regelmäßig, meistens wegen Nichtigkeiten. Und Nicole ... die ist momentan schlimmer als ein Sack Flöhe. Mit ihren siebzehn hat sie einen Dickschädel wie ein Panzer - schlimmer als ihre Mutter je war."
    
    Martin lachte laut auf. "Da bin ich ehrlich gesagt ganz froh, dass ich Single bin! Kein Stress, keine Diskussionen, keine Teenagerdramen."
    
    "Manchmal beneide ich dich", murmelte Ralph plötzlich mit einem Anflug von Melancholie.
    
    "Wirklich?" Martin hob überrascht die Augenbrauen.
    
    "Klar. Du kannst machen, was du willst. Musst niemandem erklären, wo du warst oder warum du um drei Uhr morgens nach Hause kommst. Kein Streit beim Frühstück, keine Diskussion über nicht weggeräumte Schuhe ..." Ralph starrte gedankenverloren in sein Bierglas. "Aber ja ... auch keine Umarmung zwischendurch."
    
    Martin wurde kurz still. Er verstand den Zwiespalt. "Stimmt. Dafür sitze ich an Weihnachten allein auf der Couch und esse Mikrowellen-Lasagne. Ist auch nicht das Gelbe vom Ei."
    
    Ein stilles Einvernehmen lag zwischen ihnen, ein leiser Hauch von Reue und Verständnis.
    
    Dann hob Martin sein Glas. "Aber hey - jammern wir nicht. Stoßen wir lieber an!"
    
    "Auf uns und unser wunderbares Chaos im Namen der Familie!", rief Ralph mit einem Grinsen.
    
    "Auf uns ...
    ... und unser wunderbares Chaos!", wiederholte Martin - und für einen Moment war alles genau so, wie es sein sollte.
    
    Stunde um Stunde verstrich, während sich die große Familiengesellschaft langsam vom Festmahl erholte. Das Essen - üppig, mehrgängig, von der Vorspeise bis zum Dessert liebevoll angerichtet - war längst abserviert, aber das bedeutete keineswegs, dass der Abend zu Ende ging. Im Gegenteil: Die Sättigung hatte eine träge Zufriedenheit hinterlassen, ein wohliges Überfressen, das die meisten zwar in ihren Stühlen festnagelte, sie aber nicht davon abhielt, munter weiterzureden - über Gott und die Welt, über Politik, Alltagsdramen, Nachbarn, Klima, die Jugend von heute und den Wahnsinn von gestern. Die Themen wechselten im Minutentakt.
    
    Mit zunehmender Dauer tat der Alkohol sein Übriges: Die Gespräche wurden nicht nur lauter, sondern auch ungenierter. Die Hemmschwelle sank merklich - und es dauerte nicht lange, bis erste deftigere Kraftausdrücke wie Geschosse quer durch den Raum flogen. Es war ein Crescendo aus Stimmen, Gelächter, Empörung und launigen Zwischenrufen. Der Geräuschpegel schwankte irgendwo zwischen Stammtisch und startenden Düsenjet.
    
    Mitten in diesem Tohuwabohu fühlte sich Ralph wohl. War in seinem Element. Er trank, gestikulierte, diskutierte mit brennender Inbrunst, unterbrach, wurde unterbrochen, redete sich in Rage und prostete dabei immer wieder in alle Richtungen. Seine Frau Miranda hatte sich derweil mit einer Gruppe anderer Frauen in ein etwas ...
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