1. Wie das Leben so spielt


    Datum: 03.06.2026, Kategorien: Romantisch

    ... über dem Hinterhof thronte. Für einen Moment schloss Martin die Augen, atmete tief durch und streckte sich, als wolle er die letzten Stunden aus seinen Knochen vertreiben.
    
    Das Stimmengewirr drinnen, das bis eben noch wie ein Schwarm Hornissen in seinem Kopf gedröhnt hatte, war jetzt nur noch ein entferntes Murmeln - gedämpft, fast harmlos. Stattdessen spürte er die dumpfe Schwere seiner Glieder, die vom langen Sitzen steif geworden waren, und die beginnende Müdigkeit, die sich leise an ihn heranschlich.
    
    Genau deshalb hasste er solche Zusammenkünfte. Sie laugten ihn aus - nicht körperlich, aber seelisch. Dieses permanente Aneinandervorbeireden, das überlaute Lachen, die Trinksprüche, die Floskeln, das übertriebene Aufrechterhalten von Familienharmonie, die längst bröckelte ... Es war wie ein Theaterstück, bei dem alle mitspielten, obwohl keiner mehr an den Text glaubte.
    
    Neugierig trat Martin näher an den imposanten Baum heran, der mächtig und ruhig in der Mitte des Hofes stand, als wäre er der eigentliche Gastgeber dieses Abends. Sein Stamm maß sicher eineinhalb Meter im Durchmesser, die rissige Borke erzählte von Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten, die dieser Baum überdauert hatte. Über ihm spannte sich die weit ausladende Krone wie ein grünes Zelt aus, das fast den gesamten Hinterhof beschattete. Vereinzelte Sonnenstrahlen, die durch das dichte Blätterdach drangen, warfen tanzende Lichtflecken auf den Boden - ein Spiel aus Licht und Schatten, das Martin ...
    ... kurz vergessen ließ, wo er war.
    
    Plötzlich bemerkte er eine Bewegung neben sich. Nicole war lautlos aufgetaucht, ihre Präsenz wirkte fast ästhetisch in diesem flirrenden Zwielicht. Er drehte den Kopf und musterte sie flüchtig - und blieb dann mit dem Blick an ihr hängen. Erst in diesem Moment wurde ihm bewusst, wie sehr sie sich verändert hatte.
    
    Nicole war nicht mehr das trotzig-verstockte Teenagermädchen, das er über Jahre hinweg bei Familienfeiern eher beiläufig wahrgenommen hatte. Vor ihm stand eine junge Frau mit weichen, eleganten Linien, gekleidet in ein figurbetontes, dunkles Kleid, das ihre schlanke Silhouette betonte. Ihr langes, brünettes Haar, durchzogen von blonden Strähnen, fiel ihr offen über den Rücken und schimmerte im Sonnenlicht wie poliertes Holz. Ihre Schultern lagen frei, makellos, und auf hohen Absätzen balancierte sie mit einer Selbstverständlichkeit, die ihr eine fast aristokratische Ausstrahlung verlieh.
    
    Martin spürte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg - eine Reaktion, die ihn selbst überraschte.
    
    "Na, kannst du auch nicht mehr sitzen?" Ihre Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Sie sah ebenfalls nach oben, in die tanzende Krone über ihnen.
    
    "Du sagst es", antwortete er seufzend. "Ich frage mich, wie lange das noch dauern wird."
    
    "Und? Was fasziniert dich so da oben? Sieht fast so aus, als ob du auf ein Zeichen von Gott wartest", sagte sie spöttisch, aber nicht unfreundlich.
    
    "Siehst du das Licht?" Martin deutete in die Äste. "Die ...
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