1. Die Amazonen (1)


    Datum: 14.07.2026, Kategorien: Insel der Scham,

    ... Bei einigen früheren Expeditionen mit Begleitung hatte er gelernt, wie er sich in dieser Umgebung bewegen und verhalten musste, um unnötigen Gefahren aus dem Weg zu gehen. Er konnte sich Nachtlager mit Hängematte und Moskitonetz bauen, wusste, welche Früchte und Wurzeln genießbar sind und wie man trinkbares Wasser findet. Er bewegte sich untertags mit vorsichtigen Schritten und wachen Augen und Ohren durch Dickicht und über steppenartige Wiesen. Es war schwül und schweißtreibend, die Insekten lästig, und mühsam voranzukommen. So war er vier Tage unterwegs, ohne irgendwelche Anzeichen anderer Menschen zu entdecken.
    
    Inzwischen hatte er das Gebiet erreicht, das ihm seine brasilianischen Kollegen beschrieben hatten. Ihm war klar, dass er Ausdauer und Geduld haben müsste. Er wusste, nach welchen Zeichen er Ausschau halten musste, und trotzdem konnte es leicht passieren, dass er diese im unübersichtlichen Dschungel übersah. Hin und wieder raschelte und knackte es im Gehölz, wenn Tiere flüchteten oder er Vögel aufscheuchte. Doch diesmal war das Knacken anders – es entfernte sich nicht, sondern schien sich in einem Kreis um ihn herum fortzubewegen. Alex blieb bestehen, nahm all seine Konzentration zusammen und schaute und lauschte in das Grün um sich herum. Eine halbe Minute lang war absolute Stille, und Alex entschloss sich, weiterzugehen. In dem Moment, in dem er einen Fuß vorwärts setzte, begann es um ihn herum im Gehölz wieder zu rascheln. Ganz klar, die Geräusche kamen auf ...
    ... ihn zu. Nun begann langsam Panik in ihm aufzusteigen. Dann konnte er beobachten, wie aus dem Dschungel menschliche Gestalten auftauchten; erst an einer Stelle, dann gegenüber, dann ringsherum. Sein Herz raste, und ebenso die Gedanken, um zu einer Entscheidung zu kommen, ob er flüchten, stehen bleiben oder auf Angriff übergehen sollte.
    
    Doch dann bemerkte Alex etwas, mit dem er überhaupt nicht gerechnet hatte: die Gestalten, die sich ihm aus dem Urwald näherten, waren keine Krieger – keine Kampfbemalung, kein Geheul, keine Drohgebärden. Es waren vielmehr Frauen – die meisten mit dunklen, drahtigen Haaren, zu dicken Zöpfen geflochten oder zusammengebunden, olivbraune Haut. Und dann waren da zwei weitere Beobachtungen, die ihm den Atem stocken ließen: die Frauen waren alle komplett nackt, und jede trug einen Speer in der Hand, der auf ihn gerichtet war.
    
    Während der Kreis der Frauen um ihn herum enger wurde und die Speerspitzen näher kamen, überlegte Alex fieberhaft, wie er sich verhalten sollte. Wenngleich er eine seltsame Spannung in seinem Körper registrierte, war jetzt nicht die Zeit, die Schönheit der Frauenkörper zu bewundern, die hübschen Gesichter, aus denen ihm glasklaren Blicke begegneten, die straffen Brüste mit ihren aufgerichteten Nippeln, die Tattoos und Piercings. Alex entschloss sich, seine friedfertige Absicht zu zeigen. Während er seine Hände leicht nach vorne hob und die Handinnenflächen zeigte, sprach er das Wort „Friede“ nacheinander in verschiedenen ...