1. Marlen macht einen Fehler


    Datum: 20.09.2026, Kategorien: Reif

    ... So viel, dass meine Augen oft geschwollen waren und meine Kehle rau.
    
    Es war eine Mischung aus Reue, Scham und einer tiefen, unendlichen Traurigkeit. Wie konnte ich nur so dumm sein? Prosecco. Ich wusste doch, dass ich ihn nicht vertrage. Aber in diesem Moment der Leichtsinnigkeit, der vermeintlichen Freiheit, hatte ich alles vergessen. Die Warnungen, die Versprechen, die Liebe, die wir aufgebaut hatten. All das hatte ich mit einem Glas zu viel Prosecco und einer völlig überflüssigen Geste aufs Spiel gesetzt. Und verloren.
    
    Irgendwann kam der Punkt, an dem die Tränen versiegten und eine kalte Akzeptanz ihren Platz einnahm. Max hatte Recht. Er hatte mir oft genug gesagt: "Du kannst alles machen, Marlen, aber du musst die Konsequenzen tragen." Und das tat ich nun. Ich hatte unsere Ehe vor die Wand gefahren, und es gab keinen Weg zurück.
    
    Max' ruhige Art, als er mit mir sprach, war fast noch schlimmer als ein lauter Streit gewesen. Er hatte keine Vorwürfe gemacht, nur festgestellt. Festgestellt, dass er mir nicht mehr glauben konnte, dass er meine impulsive Art nicht mehr ertragen konnte, dass er nicht mehr an unsere Liebe glaubte. Das war der Stich ins Herz. Nicht die Wut, die ich erwartet hatte, sondern diese leise, endgültige Resignation.
    
    Der Auszug war ein Grauen. Jeden Gegenstand, den ich in Kisten packte, jede Erinnerung, die damit verbunden war, schnürte mir die Kehle zu. Das Gespräch mit den Kindern war am schlimmsten. Wie erklärst du zwei kleinen Seelen, ...
    ... dass ihre Welt, die sie kannten, auseinanderbricht? Wir saßen alle zusammen im Wohnzimmer, Max und ich nebeneinander auf dem Sofa, die Kinder uns gegenüber.
    
    Max war es, der die Worte fand, ruhig und gefasst, wie immer. Er erklärte ihnen, dass unsere Trennung nichts mit ihnen zu tun hatte, dass wir sie beide liebten und immer für sie da sein würden. Ich konnte kaum sprechen, meine Stimme versagte immer wieder. Ich nickte nur, versuchte ein Lächeln aufzusetzen, das sich wie eine Grimasse anfühlte. Ihre traurigen, verwirrten Blicke werde ich nie vergessen.
    
    Es war die Kinder, die uns in gewisser Weise noch verbanden. Wir sprachen über ihre Schulnoten, ihre Hobbys, ihre kleinen Sorgen und Freuden. Es war eine freundschaftliche Verbindung, die durch die Sorge um unsere Kinder aufrechterhalten wurde. Aber die Wärme, die Liebe, die einmal zwischen uns gewesen war, war einer kühlen, respektvollen Distanz gewichen.
    
    Ich hatte auch versucht, weiterzumachen. Ein paar Männerbekanntschaften. Nichts Ernstes. Es fühlte sich hohl an. Jeder Versuch, Nähe zuzulassen, stieß an eine unsichtbare Wand. Es war, als ob mein Herz noch immer bei Max war, gefangen in der Vergangenheit.
    
    Horst war dabei zu einem guten Freund geworden. Ironischerweise. Er unterstützte mich, hörte zu, wenn ich mal wieder in Selbstmitleid versank. Wir gingen immer noch gerne zu Vernissagen, konnten uns stundenlang über Kunst unterhalten. Aber ich hielt gebührenden Abstand. Kein Prosecco mehr, keine vermeintlich ...