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Zyklus der Verführung
Datum: 05.10.2026, Kategorien: Reif
... sich vor, wie ihr Schoß zuckte, kaum wahrnehmbar. Wie ihre Lippen geöffnet blieben, leicht glänzend. Wie ihre Brustwarzen sich unter Seide aufrichteten, erregt, aber traurig -- wie das Nachbild einer großen Liebe. Das Thema kam zurück. Voller. Inniger. Wie ein Becken, das sich hebt. Adrien spielte in Wellen -- mal zurück, mal vor, wie ein Mann, der langsam eindringt, innehält, tiefer geht. Er wusste: Sie fühlte es. Ihr Atem wurde schneller. Ihre Beine zitterten leicht. Ein Ruck durchfuhr ihren Oberkörper, als wäre sie aufgeschreckt worden -- von sich selbst. Sie beugte sich leicht vor, als müsste sie sich festhalten. Doch sie blieb sitzen. Ihre Augen geschlossen. Ihr Mund leicht geöffnet. Ihre Finger verkrampft auf der Armlehne. Und dann -- die letzte Steigerung. Adrien spielte, als würde er sie halten. Fester. Wiegender. Der Klang war kein Ton mehr -- sondern Reibung. Und während das Impromptu in seine letzte Phrase ging, während der letzte Akkord sich aufbaute, nicht schmetternd, sondern wie ein leises Erzittern -- kam sie. Ihre Oberschenkel spannten sich, ihr Rücken überstreckte sich leicht, ein zittriger Laut kam aus ihrer Kehle, kaum hörbar im Saal. Und als der letzte Ton erklang -- warm, rund, leuchtend -- fiel sie zurück in ihren Sitz, der Atem entwich ihr wie das Ende eines Gedichts. Gleichzeitig begann der Applaus. Niemand bemerkte es. Niemand außer Adrien. Und sie? Sie öffnete die Augen nicht. Noch nicht. Erst als der Saal hell wurde, saß sie ...
... wieder aufrecht, ihr Gesicht ganz still. Aber ihre Wangen waren gerötet. Und an der Innenseite ihres Oberschenkels -- das wusste Adrien -- war etwas getrocknet, das kein Wein gewesen war. Er verbeugte sich, ein einziges Mal. Dann verließ er die Bühne. Später, im leeren Saal, ging Adrien an ihrem Platz vorbei. Er berührte die Lehne. Noch warm. Noch vibrierend. Auf dem Sitz lag ein Buch. Gedichte. Rilke. Aufgeschlagen, ganz leise. Und zwischen zwei Seiten -- ein einzelnes, schwarzes Haar. Er nahm es nicht mit. Die Karte darin -- Parkhotel, Zimmer 314. Auch diese nahm er nicht mit, das war zu leicht zu merken. Was er wohl schreiben würde, Rilke anstatt, ging ihm durch den Kopf Das Gedicht am Morgen Wenn sie die Augen aufschlug, lag der Morgen still und tastend in ihrem Zimmer. Noch war das Licht weich, milchig, fast scheu. Und doch war da etwas. Etwas, das wartete. Ein Blatt. Auf dem kleinen Tisch am Fenster. Elfenbeinfarbenes Büttenpapier. In schwarzer Tinte beschrieben. Die Schrift: alt und biegsam, gotisch wie ein Flüstern aus einer anderen Zeit. Die Linien zitterten nicht -- sie atmeten. Es war von ihm. Immer war es von ihm. Kein Name stand darunter, kein Datum. Und doch war es seine Handschrift. Seine Stimme. Sein Atem, der noch zwischen den Zeilen vibrierte. Er nannte es nicht Gedicht. Es war ein Morgengruß. Eine Erhebung. Ein Verbeugen vor ihr. Und doch war es immer auch ein Begehren -- versteckt zwischen den Worten wie Wärme in einer Blüte vor dem ...