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Zyklus der Verführung
Datum: 05.10.2026, Kategorien: Reif
... Aufbruch. "Ich habe dich nicht gesehen, nur geträumt von deinem Nacken, und dort, wo dein Atem hingeht, war mein Vers." So begann es heute. Ein leiser Auftakt, wie ein Cello in der Tiefe. Und weiter: "Ich legte Silben auf deine Schulter, und sie schmolzen in deine Haut. Ich wollte kein Gedicht schreiben -- sondern dich erinnern, dass du bist." Sie hielt das Blatt mit beiden Händen. Es zitterte kaum. Aber ihre Brust hob sich unter dem Stoff, als atmete sie die Worte ein. Ihr Unterleib wurde warm. Nicht von Gier, sondern von einem Wissen: dass sie gemeint war. Gemeint, berührt, erfasst. Rilke schrieb nicht über den Akt. Er schrieb über die Ahnung. Über das, was dem Begehren vorangeht. Den Blick. Die Geste. Das feine Zucken am Morgen, wenn die Lust sich in die Zunge legt, aber noch kein Wort kennt. "Ich schrieb dich wach, Geliebte. Nicht, um dich zu besitzen, sondern damit du dich erinnerst: auch ohne mich bist du ganz." Aber sie wusste: Er hatte an sie gedacht, mit jeder Linie. Mit jedem Bogen des F. Mit jeder senkrechten Linie des T. Mit dem spitzen, schmalen M, das an ihre Lippen erinnerte, wenn sie sich formten im Halbschlaf. Sie schloss die Augen. Die Tinte war noch nicht ganz trocken. Vielleicht war sie noch warm. Vielleicht war er noch nicht weit. Und sie fragte sich: Wenn ein Gedicht einen Körper lieben kann -- warum nicht auch eine Frau? Sie ließ das Blatt auf den Boden gleiten. Und begann, sich zu erinnern. Mit Fingern, mit Lippen, mit Haut. ...
... Ganz in Schwarz. Ganz in Tinte. Ganz in ihm. Du warst mein Lied in Es-Dur Ich drang in dich, nicht nur mit Glied und Glut, mein Atem sog sich tief in deine Saiten. Du warst geöffnet -- rot, bereit, voll Mut, mein Mund begann, dich sacht hinabzugleiten. Dein Duft war laut. Und deine Scham ein Schrei, ein weicher Ton, der zwischen meinen Zähnen aufzitterte. Du bäumtest dich herbei, ließest mich lecken, toben, reiten, dehnen. Ich küsste dich -- nicht nur den Mund, das Licht, sondern das Dunkel, das noch stumm geblieben. Du stöhntest mir die Sprache ins Gesicht, mein Zungenstoß -- wie Tasten, die dich lieben. Du hast mich in dich aufgesogen, nass, bis meine Lust in deinem Schoß verglühte. Ich stieß -- und fiel. Und als ich bebend saß, warst du das Lied, das durch mein Mark noch glühte. Es-Dur. Ein Monolog in Mollfarben. Eine Frau, die sich erinnern durfte. Ein Körper, der nicht vergaß. Eine Lust, die niemand sah -- aber alle hörten. Und ein Gedicht, das ihm schon im Kopf vorschwebte, ungeschrieben, aber doch vollendet seiend. Adrien verließ den Saal durch den Künstlerausgang. Es war spät. Die Luft kühl, nicht kalt -- wie ein letzter Akkord, der noch im Raum stand. Er ging langsam, den Mantel über den Arm geworfen, das Notenbuch unter dem anderen. In seinem Kopf klang Schubert weiter. Die Finger spürten noch die Tasten. Die Erinnerung an das, was geschehen war -- dort, auf der Bühne, in der vierten Reihe -- vibrierte wie ein ...