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Nikolaj Nikolajew
Datum: 01.11.2021, Kategorien: Nicht festgelegt,
... legte mir einen Arm um die Schulter und zog mich einfach mit, als er losmarschierte, ohne mir eine Wahl zu lassen. „Wohin gehen wir?" „Ich bin auf dem Weg zur Arbeit." „Ah, ja?" Ich sah ihn fragend an. „Mein Studium der Pharmacie hat mir dazu verholfen. Ein örtlicher Apotheker hat mich als Assistent eingestellt. Die vielen reichen Russen, die zur Kur in Baden-Baden weilen, ziehen es vor, in ihrer Muttersprache bedient zu werden. So ist allen gedient, den zufriedenen Kunden, meinem Arbeitgeber, der seinen Umsatz erhöht, und nicht zuletzt mir, der ich meinen Lebensunterhalt davon bestreiten kann." Mir entging nicht die Ironie der Situation. Dmitrij lebte vom Geld genau jener Klasse, gegen die wir daheim agitiert hatten. Wie hatte Dostojewskij geschrieben? ‚Knechtet uns, aber macht uns satt'. Doch ich wollte meinen Freund nicht beleidigen und schwieg. Nachdem ich Hunger und Armut zur Genüge kennengelernt hatte, kamen auch mir gelegentlich Zweifel, ob ein reines Gewissen oder ein voller Bauch erstrebenswerter war. An der Apotheke angekommen, schloss Dmitrij eine Seitentür auf und führte mich in einen Arbeitsraum, in dem Tiegel, Retorten und allerhand andere chemische Apparaturen säuberlich aufgereiht auf Tischen warteten. Sanft drückte er mich auf einen Stuhl, griff in den Beutel, den er über der Schulter getragen hatte, und reichte mir eine Metalldose. „Hier, iss!" „Aber das ist dein Mittagessen," lehnte ich ab. „Iss!", sagte er im Befehlston noch ...
... einmal, „Ich werde wegen einer versäumten Mahlzeit nicht verhungern. Aber du siehst aus, als würdest du auf der Stelle umfallen, wenn du nicht umgehend etwas in den Magen bekommst. Ich mache derweil Tee." Tatsächlich fühlte ich mich wesentlich besser, nachdem ich gegessen und mehrere Tassen heißen Schwarztees mit viel Zucker getrunken hatte. Dmitrij wartete geduldig, bis ich fertig war, dann nahm er das Gespräch wieder auf. Ich meinte, ihm eine Erklärung für meinen Zustand schuldig zu sein. „Im Gegensatz zu dir kann ich leider kein praktisches Studium vorweisen. Alles was ich gelernt habe, ist Gedichte zu schreiben. Und später unsere Pamphlete zu verfassen. Mit beiden Künsten kann ich hier nicht reüssieren. Mit Gelegenheitsarbeiten halte ich mich über Wasser. Das Geld reicht gerade mal so, um die Miete für meine kleine Dachkammer zu bezahlen. Der Rest ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel." Er sah nachdenklich aus. Ich machte mir Sorgen, zu viel gejammert zu haben. „Um Gottes Willen, Dmitrij, ich erwarte nicht, dass du mich unterstützt", schob ich nach. „Nein, nein," beruhigte er mich, „doch könnte ich mir vorstellen, dass deine Fertigkeiten dir hier sehr wohl nützlich sein könnten. Lass mich ein, zwei Gespräche führen, dann melde ich mich bei dir." „Ich werde nichts tun, was mich wieder ins Visier der Geheimpolizei bringt." „Keine Sorge. Ich denke an nichts Verwerfliches oder Illegales. Bitte habe nur ein wenig Geduld. Bis dahin hilft dir das ...