-
Nikolaj Nikolajew
Datum: 01.11.2021, Kategorien: Nicht festgelegt,
... hatte vergessen, meinen Rock überzuziehen, was auch bedeutete, dass ich weder meine Börse noch meine Hausschlüssel bei mir hatte. Mühselig fand ich meinen Weg zurück. Die Tür zu meiner Kammer stand offen. Auf dem wackligen Tischchen fand ich neben meinem Buch einen Zettel mit Dmitrijs Handschrift. Er hatte mich nicht angetroffen, wollte mir die gute Nachricht aber unbedingt zukommen lassen. Eine Kundin von ihm suchte einen Lehrer für russische Literatur für ihre beiden Töchter. Er hatte mir einen Vorstellungstermin verschafft und die Anschrift auf dem Papier niedergeschrieben. Seine Botschaft endete mit der dringlichen Bitte, unbedingt morgen gegen 10 Uhr vormittags dort zu sein. Ich schob das Blatt in meine Kladde und grübelte. Sollte ich meine Überzeugung verraten und von den Krümeln leben, die mir diejenigen überließen, die unser Volk unterdrückten und ausbeuteten? Lange konnte ich nicht einschlafen. * Als ich aufwachte, hatte ich meine Entscheidung getroffen. Ich hatte eine Verpflichtung meinem Freund gegenüber. Nicht nur hatte er mir diese Gelegenheit verschafft und sicherlich für mich gebürgt. Wenn ich nicht erschien, würde es ein schlechtes Licht auf ihn werfen. Auch hatte er mir das Wundermittel überlassen, das mir durch seine aufhellende Wirkung erleichtern würde, mich vorteilhaft zu präsentieren und die Verstellung, die meinerseits erforderlich sein würde, um meine Abscheu zu verbergen, zu meistern. Ich wusch mich, bürstete meine Kleidung aus und ...
... trimmte meinen Bart, so dass er nicht mehr gar so verwildert aussah. Zuletzt zog ich mich an und kontrollierte mein Aussehen vor dem Spiegel. Noch einmal überkamen mich Zweifel, ob ich das Richtige tat. Ich holte das schon geöffnete Päckchen aus der Jackentasche und nahm eine etwas größere Menge als beim ersten Mal heraus. Die erhoffte Wirkung setzte unterwegs ein. Meine Unsicherheit verflog und ich hastete zu der angegebenen Adresse. Ein großes, mehrstöckiges Gebäude erwartete mich, in dem diverse Appartements an wohlhabende Familien vermietet wurden. Ein Pförtner ließ mich ein und verwies mich, nachdem ich mich vorgestellt und mein Anliegen vorgetragen hatte, zu einer bestimmten Wohnung. Vor der Tür zögerte ich. Auf keinen Fall wollte ich riskieren, so wie am Vorabend zu einem ungünstigen Zeitpunkt aus der Euphorie zu fallen, was jeden guten Eindruck, den ich vielleicht machen konnte, verderben würde. Entschlossen holte ich die angebrochene Portion hervor und schüttelte sie in den Mund. Der aufgewirbelte Staub geriet mir beim Einatmen in die Nase. Er kitzelte und nur mit Mühe konnte ich ein Niesen unterdrücken. Dann klopfte ich vehement. Ich musste nicht lange warten, bis geöffnet wurde. Im größer werdenden Türspalt erschien eine junge Frau, etwa Mitte zwanzig. Sie schaute fragend und ein wenig argwöhnisch zu mir auf. Ihr Gesicht war eher unscheinbar, ihr hellbraunes Haar war streng nach hinten frisiert und im Nacken zu einem festen Knoten geschlungen. Sie trug ein ...