1. Doro 08: Verdiente Strafe


    Datum: 08.08.2022, Kategorien: Nicht festgelegt,

    ... knittrige Hemd und wand die Krawatte um den Hals. Die spiegelnde Seitenscheibe auf der Fahrerseite nutzte er, um den korrekten Sitz zu kontrollieren. Dann wartete er, zunehmend nervös.
    
    Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als die Chefin endlich eintraf. Sie war derweil die Ruhe selbst und schritt in ihrem strengen, sehr körperbetont geschnittenen Reitdress gemessen auf ihn zu. Die Gerte in ihrer Rechten klopfte bei jedem Schritt leise an den Schaft des hohen Stiefels. Zwei Armlängen vor ihm blieb sie stehen. Ihre aufrechte Haltung und ausdrucklose Mine ließ keinerlei Rückschluss zu, was sie beabsichtigte. Aber es gab nicht den geringsten Zweifel, dass sie hier die Macht und Kontrolle in ihrer Hand hielt und sie nicht hergeben würde.
    
    Ihr Gegenüber, seine Gedanken und Befürchtungen waren dagegen zu lesen wie ein offenes Buch. Sein Mundwinkel zuckte unkontrolliert und auf seiner Stirn sammelten sich Schweißperlen. Er schluckte trocken und überlegte, was er sagen sollte. Aber vermutlich war es klüger, zunächst abzuwarten. Vielleicht erwartete ihn ja gar keine Bestrafung, sondern es würde eine ganz harmlose Begegnung. Wobei die Hoffnung auf die zweite Option seiner eigenen Einschätzung nach äußerst gering war.
    
    Die Minuten verrannen. Madame Séverine blieb unbewegt und undurchschaubar. Ihre grauen Augen bohrten sich in die Fassade, die ihr Gegenüber mühsam aufrechtzuhalten versuchte. Thomas trat unruhig von einem Bein aufs andere. Schließlich hielt er es nicht länger aus ...
    ... und platzte heraus:
    
    „Ich habe sie nicht angefasst."
    
    Ihre einzige Reaktion war eine hochgezogene Augenbraue.
    
    „Glauben Sie mir!", bat er flehentlich.
    
    Sie hob wortlos einen Zeigefinger, um ihn zum Schweigen zu bringen. Ihre Augen wurden schmaler und eine waagrechte Falte bildete sich über ihrer Nasenwurzel, als erstes Anzeichen, dass sie nicht ganz so kühl und unberührbar war, wie sie sich bisher den Anschein gegeben hatte. Ihre Stimme dagegen klang weiterhin ruhig und geschäftsmäßig.
    
    „Ich freue mich sehr, Herr Müller, dass wir uns zumindest einig sind, was den Anlass zu diesem Treffen unter vier Augen angeht. Hinsichtlich der Bewertung Ihrer Handlungen muss ich allerdings einen Dissens feststellen."
    
    Er öffnete den Mund, doch ein weiteres winziges Anheben ihres Zeigefingers genügte, ihn verstummen zu lassen.
    
    „Die Grenzüberschreitung, die Sie begangen haben, ist unabhängig davon, welche konkreten verbotenen Handlungen sie vorgenommen haben. Es geht einzig und allein um die Tatsache, dass Sie Anweisungen nicht befolgt haben. Wie und in welchem Maße Sie ungehorsam waren, ist dabei zweitrangig. Es geht ums Prinzip."
    
    Der scharfe Knall der Gerte, die sie gegen ihren Stiefelschaft klatschte, rief ein anhaltendes Echo in der weitläufigen Halle hervor und unterstrich ihre Worte.
    
    „Sie haben damit das Vertrauen unseres Arbeitgebers verletzt und mich in eine sehr unangenehme Situation gebracht, denn ich bin für Ihre Aktivitäten ebenso verantwortlich, wie Sie ...
«1234...11»