1. Zum Kruzifix


    Datum: 22.05.2023, Kategorien: Nicht festgelegt,

    Es geschah an einem Montag am Waldrand. Vor einem Busch hockte eine Gestalt, rau umrissen vom gelben Laternenlicht. Zu spät sah ich den Schemen, als daß ich noch hätte ausweichen können. Wenn mein Herumreißen des Lenkers mich nicht zu Fall gebracht hätte, so tat es der Stock, den der Mann mir zwischen die Speichen schob. Und damit mein Schicksal besiegelte. Für diesen Abend und so viele weitere, an denen ich nicht mehr würde einschlafen können.
    
    Ein leichter Nieselregen setzte ein und Wasser kondensierte auf meinem Gesicht, meinen Brauen, meinen geschlossenen Lidern. Etwas prickelte auf meiner Wange: Ein Schmerz, den ich erst nach und nach als Wunde begriff. Wo war ich? Wo lag ich?
    
    Man griff mich an beiden Schultern. Ich hielt still. Wie die Stöckel meiner Halbschuhe erst über den Asphalt schliffen und dann über feuchtes Laub und Waldboden, war das erste, was ich über das Rauschen in meinen Ohren hörte. Verdumpfte Stimmen. Auf einmal: Weiße Augen. Ein Laubdach.
    
    Ich schüttelte stumm den Kopf. Das tat weh. Ich machte weiter. Als ich begann zu murmeln und dann rufen zu wollen, legte sich eine Hand über meine Lippen, als hätte sie nur darauf gewartet, daß ich mich äußern wollte. Sie drückte fest zu, presste meine Lippen in meine Zahnlücken. Sie stank, wie zuweilen Männer stinken in der Regio, bei Regen.
    
    Dann kam die Angst. Ich schrie. Niemand hörte mich außer die vier Männer in meinem Blickfeld. Ich hörte mich beinahe selbst nicht. Sie beäugten mich wie Beute. Des ...
    ... einen Hand wanderte bereits deutelnd in seinen Schritt. Man sah ihn kaum in der Waldnacht. Ein Schwarzer. Ich seufzte. Frauen träumten davon. Von großen dunklen Schwänzen durchbohrt zu werden. Ich nicht. Ich träumte vom Gesicht meiner Tochter, die in der Küche auf mich wartete vor dem warmen Licht im Fenster. Während mein Mann an ihr zerrt, sie ins Bett zu bringen. Tja, Liebes, so werden wir gerade beide von Männern bedrängt... Ich träumte vom Priester, der diese Nacht von Liebe gepredigt hatte; ich träumte davon, daß er mich nun sieht, da er der Grund war, weswegen ich so spät noch auf dem Rad unterwegs gewesen war. Und wie er stumm den Kopf schüttelte. Keine Liebe.
    
    Jemand krallte seine Finger in meine Haare. Ich schrie in die Hand, die mich knebelte. Tränen traten aus. Ich wollte beißen, aber war nicht stark genug, nicht mal im Kiefer. Wie sollte ich stark genug sein, meine Schenkel zu verschließen? Gleich.
    
    Dieses «Gleich» blieb an mir haften. Gleich hast du's geschafft, sagte ich mir. Gleich haben sie dich geschafft. Gleich bist du fertig, gleich haben sie dich fertiggemacht. Hoffentlich bringen sie mich nicht um. Gleich geschieht es. Ich zitterte.
    
    «Ruhig, Lady.»
    
    Ein arabischer Akzent. Ein helleres Gesicht tauchte über mir auf, mit schwarzem Bart umrandet, um zwei Brunnen von schwarzen, sensiblen Augen.
    
    «Lassen Sie mich los!» bettelte ich. Davon kam an: «Wschm dji mch osch». Seine stinkende Hand war ebenso schwarz behaart. Ihr Griff lockerte sich, scheinbar ganz ...
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