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Perspektive auf Ketten
Datum: 13.03.2024, Kategorien: Nicht festgelegt,
... haben deine Töchter dazu gesagt? Sie sehen bestimmt nicht jeden Tag, wie jemand in Ketten gesteckt wird." „Das sollte man meinen. Doch die sind bereits ausgefuchst und kennen sich aus. Zumindest kann man es so etwas glauben, wenn man ihnen zuhört. Sie haben sich ewig über die Amerikanerinnen ausgelassen: deren Kleidung war zu unpassend, die Haare zu verknäult und angeblich konnten sie Spuren eiserner Halsreife erkennen. Vielleicht waren es ja tatsächlich entlaufene Sklavinnen?" Ich machte einen schockierten Gesichtsausdruck, während meine Hand ein Grinsen verdeckte. Falls Sandra mein Theater erkannte, ließ sie es sich nicht anmerken. Ich glaube jedoch ein Funkeln in ihren Augen zu erkennen. Da nun ein Kunde hinter mir stand, verabschiedeten wir uns voneinander und ich machte mich wieder auf. Ich sah auch mal schnell in der sogenannten 'Behörde für Freiheit und Menschenrechte' vorbei (oder Freiheitsbehörde, wie jeder normale Mensch sie nannte). Am Schreibtisch fand ich die mir bekannte junge Frau vor. Pia sah bei meinem Eintreten von ihrem Schreibtisch auf und lächelte mir zu. „Guten Morgen Herr Richter. Schön, dass sie wieder da sind. Wie war ihr Urlaub?" „Er war wunderbar, Pia. Danke der Nachfrage. Wie waren denn die letzten drei Wochen ohne mich?" „Eigentlich ziemlich ruhig. Ich hatte nur wenig Arbeit und konnte meinen Jahresbericht anfangen. Wir sind wohl in so etwas wie einem Sommerloch." Ich zuckte bei ihren Worten innerlich zusammen. Langeweile ...
... war eine schlechte Nachricht für mich. Pia ist die offizielle Beamtin vor Ort, bei der eine Versklavung persönlich eingereicht werden musste. Alles streng nach deutscher Gründlichkeit. Sie prüfte dann, ob alles in Ordnung ist und knallte ihren Stempel auf die Dokumente. Ja, ich weiß: die deutsche Bürokratie. In Griechenland läuft das unkomplizierter. Nicht selten prüft Pia deshalb meinen Laden. Wenn meine Kollegen einen guten Job gemacht hätten, würde Pia in Arbeit ersticken. So war es zumindest vor meinem Urlaub. „Na dann sehen wir mal, ob ich das ändern kann. Candy Crush ist auf Dauer eh langweilig." Pias nervöses Lachen begleitete mich aus ihrem Büro heraus. Sie war eigentlich ein nettes, kleines Ding. Eindeutig noch zu unerfahren für die Aufgabe in Slave Shops nach dem Rechten zu sehen. Als sie das erste Mal bei uns im Laden war, hätte sie beinahe ihren eigenen Namen in die Formulare eingetragen. In einem Halsband würde sie bestimmt umwerfend aussehen. Endlich kam ich bei meinem eigenen Arbeitsplatz an und trat durch die Eingangstür. Wie erwartet waren die Ausstellungsflächen in den Schaufenstern leer, ebenso die Zellen im hinteren Ende des Ladens. Bei diesem Anblick bekam ich einen sauren Geschmack im Mund. Es ist normal, dass die hinteren Zellen mindestens zur Hälfte gefüllt sind. Und um diese Zeit sollten bereits Sklavinnen hinter den Schaufenstern stehen. Richard, mein Manager, passte mich beim Eintreten ab und erklärte mir die Lage. „Schöne Scheiße, ...