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Im letzten Moment
Datum: 06.04.2024, Kategorien: Betagt,
© 2021-2022 by bumsfidel "Du kommst hier nicht rein", behauptete der Kerl am Clubeingang selbstsicher. Er hatte ziemlich viel Grund dazu. Muskelbepackte 120 kg Kerl standen vor Enno, Vierkantschädel, bis auf einen schmalen Streifen kahl rasiert, zum Ausgleich ein Dreitagebart. Die Schlange vor dem Club würde sich mit Sicherheit vom Auftritt des Neandertalers beeindrucken lassen, Enno nicht. Er hatte sich vorbeigedrängelt und zückte unauffällig seine Marke. "Schon mal was von Altersdiskriminierung gehört, Arschloch?", antwortete er gerade so laut, dass niemand der Umstehenden ihn verstehen konnte. Schließlich wollte er keinen Streit und den Türsteher nicht für seinen Job diskreditieren. Enno war in etwa gleich groß, aber locker 40 kg leichter als Schädel. Dass er durchtrainiert bis auf die Knochen war, sah man seinen knapp 50 Jahren im Freizeitlook nicht an. Er war bei der Kripo, nicht im Dienst und wollte seine Tochter abholen. Mit gerade einmal 19 Jahren hielt er sie noch nicht für reif genug, sich in solchen Abschleppbunkern unfallfrei behaupten zu können. Was Töchterchen naturgemäß ganz anders beurteilte. "Na gut, ausnahmsweise", wechselte der Türsteher blitzschnell seine Meinung und strahlte Enno plötzlich an, wie einen alten Freund. Dass er dabei seine Hand auf Ennos Schulter legte und seine Finger ins Fleisch bohrte, war gewiss Zufall. Enno verzog keine Miene, stiefelte los und wollte sich gerade auf den Weg ins flackernde Höllenszenario machen, als ...
... sein Kontrahent schmerzverzerrt sein Gesicht verzog. Kann ja mal passieren, dass ein Absatz versehentlich auf einer Schuhspitze hängenbleibt, dachte sich Enno. Warum trägt der Typ auch keine Sicherheitsschuhe mit Stahlspitze? Bei dem Job? Wenige Meter weiter bedauerte er es, nicht seine Ohrstöpsel eingelegt zu haben. Er hatte in seiner Jugend auch Musik gehört, auch laut, sehr laut sogar, aber da hatte die Betonung auch auf Musik gelegen. Dies hier kam mehr einer Stahlramme auf einer Autobahnbaustelle gleich. Völlig ohne Verständnis blickte er auf die zappelnden Leiber auf der Tanzfläche. Hatten seine Eltern ihm wirklich vorgeworfen, nicht tanzen zu können? Wozu zählte dann das hier? Elektroschocks? Enno versuchte sich einen Überblick zu verschaffen, aber bei dem schummrigen flackernden Licht hatte er keine Chance. Zielbewusst steuerte er einen der seitlich aufgestellten Tische an, kippte den davor sitzenden jungen Mann von seinem Stuhl. Der wollte sich zwar prompt lautstark beschweren, aber Enno verstand kein Wort und ein Blick in sein grinsendes Gesicht reichte, um den Typ verstummen zu lassen. Irgendetwas in seinem Blick sagte seinem Gegenüber, dass es besser sei zu schweigen. Enno nahm einen Schluck aus dessen Glas, bedankte sich brav und kletterte auf den Tisch. Nichts. Keine Julia. Seine Tochter blieb wie vom Erdboden verschluckt. Er machte sich keine Sorgen. Auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren und sich in letzter Zeit häufiger stritten. Wenn er sagte, ...