1. Bewährung


    Datum: 13.04.2024, Kategorien: Romantisch

    ... hatte, durch seine Affären, und wie sehr sie ihn dafür verachtete. Dass er das hier nicht verdient hatte, dass sie ihn immer noch liebte, und wie sehr ihr das naheging, war mit einem Blick zu erfassen.
    
    "Harry. Schön, dass du hier bist", begrüßte sie mich.
    
    "Hallo Elke. Das hier ist Sophie, eine von Jochens früheren Probandinnen. Schläft er schon länger?"
    
    "Er schläft nicht. Er ist im Koma. Hat euch das niemand erzählt?"
    
    "Was? Nein. Oh mein Gott, ist es schon so schlimm?"
    
    Elke kämpfte mit den Tränen.
    
    "Metastasen im Hirn. Seit vorgestern ist er im Koma. Sie hatten gerade mit der Chemo begonnen, um ihm noch ein paar Tage mehr zu verschaffen. Das ging nach hinten los. Die Ärzte... sagen... er hat nicht mehr lange... der Körper ist zu schwach..."
    
    Ich setzte mich neben sie und drückte sie fest an mich, während sie in Schluchzen ausbrach. Verflucht. Damit hatte ich allerdings nicht gerechnet. Während Elke an meiner Brust weinte, deutete ich auf einen freien Stuhl an einem anderen Bett, da Sophie unschlüssig und irgendwie verloren weiterhin im Raum stand.
    
    Aber sie dachte gar nicht daran, sich diesen zu holen. Gab sich einen Ruck, setzte sich zu Jochen aufs Bett und gab dem Bewusstlosen einen Kuss auf die Stirn. Ergriff die leblose Hand und hielt sie fest, während auch ihr eine Träne die Wange herunterlief. Sie war leichenblass.
    
    Ich schluckte unwillkürlich und war in diesem Moment froh, dass Elke gar nicht in die Richtung schaute, sondern an meiner Brust von ...
    ... ihr abgewandt weiterhin weinte. Mein Gott, hatte Jochen mit Sophie rumgemacht? Das sah nach mehr als nur lockerem, oder auch freundschaftlichem Umgang aus.
    
    Ich versuchte, Sophie mit einem ernsten Blick auf die prekäre Situation aufmerksam zu machen, indem ich auf Elke deutete. Sie verstand es tatsächlich, streichelte Jochen noch kurz die Hand und stand auf.
    
    Ging dann zu dem Stuhl und setzte sich in einiger Entfernung neben uns, wo es einen Tisch gab, auf dem ich die Blumen abgelegt hatte. Langsam beruhigte sich Elke wieder. Wir blieben vielleicht eine halbe Stunde, wo wir wenig redeten. Sophie beteiligte sich nicht, sah die ganze Zeit starr auf Jochen.
    
    Sie weinte nicht mehr, aber war weiterhin blass.
    
    "Elke, wir müssen langsam. Wir haben gleich einen Termin, eine Wohnung ansehen. Du bleibst noch hier?"
    
    "Ja. Ich bleibe bei ihm. Egal was war, und was jetzt geschieht", gab sie mit tonloser Stimme zurück.
    
    "Du hast meine Nummer? Nein? Ich gebe sie dir kurz, warte. Bitte, ruf mich an, wenn... wenn es eine Änderung gibt, ja?"
    
    "Ja, mach ich."
    
    Ich wusste, dass ich Jochen nicht noch einmal sehen würde. Dass dies das letzte Mal war, dies mein Abschied von einem geschätzten Kollegen und Freund. Er mochte Fehler und Schwächen gehabt haben, aber das hier hatte er nicht verdient. Vielleicht ersparte es ihm doch weiteres Leid.
    
    Das hatte nun vor allem Elke. Die ich für ihre Größe bewunderte. Und ihre Liebe. Nach allem, was geschehen war. Ich verabschiedete mich von ...
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