1. Das rote Band und der Wunsch


    Datum: 21.04.2024, Kategorien: Nicht festgelegt,

    ... meinte.
    
    Mit sanftem Druck führte die Frau Leonie zur Bank an der Bushaltestelle und setzte sich mit ihr darauf.
    
    Auffordernd sah sie zu ihr hinab. Leonie atmete tief durch, dann sprudelte es aus ihr heraus. Sie schüttete ihr Herz aus, all ihre Sorgen, Leiden und sogar vom Traum der vergangenen Nacht erzählte sie der aufmerksamen alten Frau. Diese unterbrach sie nicht, legte hin und wieder die Hand auf ihre und drückte sie, damit Leonie fortfuhr. Keinmal korrigierte sie Leonie in der Aussprache oder zeigte Verwunderung über ihre Ausdrucksweise. Ihr vertrauen wuchs von Minute zu Minute. Kurz bevor der nächste Bus kam, war Leonie zum Ende gekommen und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus.
    
    „Das Fräulein hat viel entbehrt. Zum Lohn nenne es, was es begehrt?"
    
    Leonie verstand erst nicht, was die Frau meinte. Sie wiederholte, für sich: „Begehrt?" Ihr Blick leuchtete auf. „Ahh, was Nini wünscht?!"
    
    Die alte Frau nickte.
    
    „Eigentlich nur Mami und Papi zurück, aber das wird nicht in Erfüllung gehen. Mami und Papi sind beim Flugzeugabsturz verbrannt. Aber Nini würde alles dafür tun, so geliebt zu werden wie von Mami und Papi, wie in den Träumen, das wünscht Nini."
    
    Die Frau nickte ihr lächelnd zu.
    
    „Ach, und wenn möglich, gerne auch mehr Sex -- viel mehr Sex. Sex und Liebe!"
    
    Ein kehliges Glucksen ertönte aus dem Innern der alten Frau. Sie schien zufrieden zu sein.
    
    „Mist!", rief Leonie und sprang von der Bank auf. „Der Bus kommt gleich. Das ...
    ... Haargummi!"
    
    Sie schickte sich an, zur Villa zu sprinten, da griff die alte Frau ihren Arm und hielt sie fest. Sie kramte in ihrem Beutel mit der Kordel und zog ein rotes Haarband hervor. Kurzerhand knotete sie damit Leonies Haare zusammen und brummte dabei einen Reim:
    
    „Im Haar dies Band als Zeichen getragen,
    
    Und Freud und Leid durch Lust ertragen.
    
    Der Wunsch erfüllt, der wurd gehegt,
    
    Alsbald beschritten der beschwerliche Weg."
    
    Abschließend strich sie ihr liebevoll über das Gesicht und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
    
    „Danke!", sagte Leonie.
    
    In der Ferne erkannte sie den Bus. „Ich muss jetzt los." Sie stellte sich an den Straßenrand, damit der Fahrer wusste, dass sie mit wollte. Sie drehte sich noch einmal, um die Frau zu fragen, was sie mit ‚Freud und Leid durch Lust ertragen' meinte und welchen ‚beschwerlichen Weg' sie beschreiten sollte, doch sie war nicht mehr da. Als Leonie einstieg, schaute sie links und rechts den Weg entlang, aber nirgends war die alte Frau zu sehen.
    
    * * *
    
    Während der Busfahrt sinnierte Leonie über die Worte der Frau. Das Ganze klang nach einer Prophezeiung. ‚Im Haar das Band als Zeichen getragen' -- damit war eindeutig das Haarband gemeint, das die Alte ihr gab. Bei ‚Freud und Leid durch Lust ertragen' bemühte sie ihr Handy und suchte nach den Stichworten im Internet. Hier fand sie das Lustprinzip nach Sigmund Freud. Das war Psychologie. Ihre Omi würde da bestimmt weiterhelfen. Sie gab vor, Hilfe bei einer Aufgabe zu brauchen, und fragte ...
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