1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... á á - ich höre es noch vor mir, in mir, unter mir und manchmal auch auf mir, wenn diese Reiterin mir ihre Sporen gab und ich ihr meinen Sporn...
    
    Es war im Juni, vor achtzehn Jahren, bei dieser Ausstellungseröffnung im Künstlerhaus, an einem Dienstag, ich erinnere mich genau, weil ich eigentlich nicht hatte hingehen wollen, weil ich wusste, dass es eine Zumutung sein würde, wie jede dieser Veranstaltungen eine Zumutung ist, voller aufgeblasener Wichtigtuer, aber ich war hingegangen, weil ich eingeladen war, eingeladen von ihr, von Claudia, mit dieser beiläufigen Stimme am Telefon, „wäre schön, wenn Sie kämen", sagte sie, und ich hörte das Zittern in ihrer Stimme, dieses kalkulierte Zittern, das mich reizte, das mich schon damals reizte. Eigentlich waren wir ja gar nicht per Sie, sondern schon längst per Du, aber es klang anders, edler und wichtiger und wer weiß, von wem sie umrundet war, während sie die Worte der Verführung in Form einer Einladung in den Hörer hauchte.
    
    Und wir standen dann nebeneinander vor diesem abscheulichen Objekt aus Draht und Gips, das ein junger Mann aus Leipzig ausgestellt hatte, irgendein Preisträger, dessen Namen ich sofort wieder vergessen habe, und sie sagte irgendetwas von „transzendenter Fragilität", und ich sagte nichts, weil ich wusste, dass jedes Wort, das ich gesagt hätte, überflüssig gewesen wäre, weil ich wusste, dass es nicht um die Kunst ging, nicht um das Werk, sondern um uns, um sie und mich, um das, was sich unausgesprochen ...
    ... zwischen uns aufbaute, während ihr Mann an der Bar stand und mit dem Galeristen über Subventionen redete. Und ach ja, Leipzig war ja damals noch hinter dem Zaun - und es lag mir heiß und scharf auf der Zunge, zu hinterfragen, ob er denn die Materialen des nächstens mit der Schere sich an der Grenze zum Westen besorgt habe. Um einen weiteren Kick in das Werk zu bringen als jenen, das es verdienen würde, wenn man es mit kräftigem Tritt auf den Schrottplatz entsorgen wollte.
    
    Und dann dieser Spaziergang durch den Burggarten, später, gegen Mitternacht, als der Regen eingesetzt hatte, dieser laue Sommerregen, der so tat, als wäre er romantisch, obwohl er in Wahrheit nichts anderes war als das, was er war: Wasser vom Himmel, das uns nässte.
    
    Wir gingen nebeneinander her, sie mit ihren viel zu hohen Schuhen, und ich mit dem aufkommenden Ekel vor der Situation, vor meiner eigenen Rolle, vor dem, was unausweichlich war.
    
    Und es war unausweichlich, natürlich war es das, sie ließ sich küssen, sie ließ sich anfassen, sie ließ sich führen wie eine Figur, die darauf gewartet hatte, ins Spiel gebracht zu werden. Wir nahmen uns ein Taxi, fuhren zu ihr, nicht zu ihm, er war noch unterwegs, „Dienstreise", sagte sie, „Dienstreise bis Freitag", als wäre es wichtig, das zu betonen, als wollte sie sich freisprechen, vorsorglich. Als wäre es schon die Möglichkeit eines Versprechens, den Montag über die Nacht hinaus zu verlängern.
    
    Und dann: das übliche.
    
    Wein, Musik, ein bisschen Ravel, wie ...
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