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Erregung
Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif
... führte - mit Entzug, nicht mit Peitsche. Und ich dachte an Lou. An das berühmte Bild. Nietzsche neben ihr. Und Rilke, damals noch René, der sich selbst Rainer Maria nannte, weil es ihr gefiel, weil sie es sagte, weil sie es so wollte. Lou in der Mitte. Und die Männer um sie herum. Zuckend. Schreibend. Wartend. Hörig, wie man nur einer Frau hörig sein kann, die nichts sagt, die nur andeutet, die schweigt, die mit einem Satz Leben zerstört und mit einem Lächeln wieder aufbaut. Lou führte nicht mit Gewalt. Lou führte mit Abwesenheit. Mit dem Nein, das nicht fiel. Mit dem Ja, das nie kam. Mit dem Zwischenraum. So wie Beate. Nur roher. Nur direkter. Nur auf ihre Weise. Beate hatte nie gelesen. Nicht viel. Nicht systematisch. Aber sie wusste. Instinktiv. Was wirkt. Was bleibt. Was den Mann zerstört. Die Peitsche in seinem Kopf. Die Abhängigkeit in seinem Schoß. Und sie lächelte, wenn ich kam. Und sie sagte: "So hat er mich nie genommen." Und ich wusste nicht, ob ich Nietzsche war, oder Rilke, oder der Dritte, der bloß zusieht. Und vielleicht war das ihr größter Triumph: Dass ich es nie wusste. Dass ich dachte, ich hätte sie geführt. Während sie längst die Zügel in der Hand hielt. Wie Lou. Wie keine andere. Und ich, der Philosoph, der Katholik, der Gekommene, stand nackt da. Und sah, dass es gut war. Und falsch. Und endgültig. Ich schlug sie. Zweimal. Nicht hart. Sie drehte sich zu mir, die Augen glasig, sagte: „Du bist doch der Einzige, der mich so nimmt, ...
... wie ich es brauche." Und ich, Narr, glaubte das. Ich glaubte es, während ich in sie stieß, während ich kam, während ich mich abwandte, während ich mir die Hände wusch, während ich versuchte, ihre Stimme aus meinem Kopf zu verbannen. „Bleib noch ein bisschen", hatte sie gesagt. Ich blieb nicht. Ich fuhr. Ich war erleichtert. Ich dachte: Das war das letzte Mal. Ich wusste nicht, dass es das letzte Mal war. Jetzt saßen wir hier. Rund um Claudias Tisch. Claudia in Schwarz, mit Perlenohrringen. Beates Tochter irgendwo am Rand, tränenlos. Ihr Ex-Mann nicht erschienen. Die Hälfte der Gäste heimlich erleichtert. Die andere Hälfte in Fassungslosigkeit erstarrt. Und ich mittendrin, mit dieser Erinnerung im Kopf, dieser letzten Begegnung, diesem letzten, schmutzigen, bitteren Fick, den man nicht Fick nennen darf, weil sie tot ist. Weil sie sich erhängt hat. Mit einem Schal. Im Badezimmer. Um den Hals. Mit einem Stuhl darunter, den sie umgestoßen hat. Mit einem Zettel, auf dem stand: „Ich habe es satt." Satt. Ich hätte lachen können. Ich tat es nicht. Aber ich spürte das Lachen. Tief in mir. Dieses bittere, gallige Lachen, das sich aufdrängt, wenn man weiß, dass alles wahr ist. Dass sie es wirklich gemeint hat. Dass sie nicht mehr spielen wollte. Nicht mehr bieten. Nicht mehr bitten. Claudia sprach, natürlich sprach sie. Sie hielt eine Rede, zitierte Beates Texte, sprach von ihrer ...