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Erregung
Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif
... Nietzsche, wie sie so viele zitiert hatte, falsch, halb, aus dem Zusammenhang gerissen, und genau deshalb so unvergesslich, so unheilvoll, so unanständig richtig. „Gott ist tot", sagte sie, in dieser flapsigen, rotweingeschwängerten Manier, als wäre es ein Witz, als wäre es ein Satz wie: „Die Küche ist kalt" oder „Das Taxi ist da", und dann schob sie nach: „Also schlag mich." Und ich dachte, das ist der Satz, der die ganze Geschichte Europas zusammenfasst - von der Passion bis zur Pornografie. Sie hatte keine Ahnung, was Nietzsche meinte, keine Ahnung von der Geburt der Tragödie, keine Ahnung vom Zarathustra oder vom Übermenschen, sie hatte keine Ahnung von Gott, von Tod, von Notwendigkeit, aber sie hatte einen instinktiven Zugang zur Verdrehung - zur sexualisierten Umkehrung des Denkens. „Gott ist tot", also darf man alles. Also muss man alles. Also Peitsche. Also Striemen. Also der Mann, der führen soll, also der Mann, der zuschlägt, nicht aus Hass, sondern weil es keinen Gott mehr gibt, der sagt: „Du sollst nicht." Sie hatte das mit der Peitsche sowieso immer im Kopf, nicht weil sie Nietzsche gelesen hätte, sondern weil sie diese kleine Bemerkung kannte, die eine Journalistin dem Philosophen in den Mund gelegt hatte - „Wenn du zu einer Frau gehst, vergiss die Peitsche nicht" - ein Satz, der in keinem seiner Bücher so steht, aber in jedem Männerkopf zuckt, sobald eine Frau lächelt und sich gleichzeitig unterwirft. Ein Satz, den Beate nicht nur kannte, sondern besaß. ...
... Sie hatte ihn sich angeeignet wie ein Parfüm, wie ein Lippenstift, wie eine Kette, die man sich um den Hals legt und sagt: „Zieht sie ruhig zu." Und ich, ich Katholik, ich Altsozialist, ich Antinazist mit Mutterbindung, ich - zugleich ein nichts von dem all zuvor genannten, ich saß da, und wusste: ich sollte widersprechen. Aber ich widersprach nicht. Ich sah sie an. Ich dachte an Nietzsche. Und ich hob die Hand. Nicht weil ich wollte. Weil sie es wollte. Weil es keinen Gott mehr gab. Und keinen Staat. Nur noch Haut. Und Laut. Und den Satz: „Schlag mich - weil er tot ist." Ich fragte mich, ob Beate je etwas von Lou Andreas-Salomé gehört hatte. Wahrscheinlich nicht. Oder vielleicht doch. Irgendwo aufgeschnappt. Irgendwann. In einem Artikel, in einer Fußnote, zwischen zwei Gläsern. Vielleicht war es auch nur Nietzsche, den sie kannte. Diesen einen Satz. Diesen letzten. Diesen, den alle zitieren und keiner versteht: "Wenn du zu einer Frau gehst, vergiss die Peitsche nicht." Beate hatte das auf ihre Weise verstanden. Wörtlich, halb wörtlich, halbironisch, halb verzweifelt. Sie hatte es zitiert, lachend, nackt, nach dem dritten Glas, oder vor dem vierten, mit verschmiertem Lippenstift und diesem Blick, der nie fragte, nie wirklich fragte, aber forderte. "Gott ist tot", hatte sie gesagt, "also schlag mich." Als wäre das logisch. Als wäre das die Folgerung. Und ich hatte es getan. Nicht weil ich an Nietzsche glaubte. Nicht weil ich es wollte. Weil sie es so wollte. Weil sie sich ...