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Erregung
Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif
... nicht. Und das ist das, was bleibt. Was klebt. Was beißt. Alle anderen Frauen haben sich irgendwann geöffnet. Sie - hat sich verschlossen. Hat den Schlüssel geschluckt. Hat nie einen verloren. Sie war die eiserne Jungfrau unter den Kokotten. Die Muse der Zurückweisung. Die Kälte unter den Kissen. Ich beobachte sie jetzt. Wie sie mit Beates Tochter spricht. Diese Tochter, dieses Mädchen, das nicht mehr Mädchen ist, aber auch noch keine Frau - dieses dazwischen, dieses Übergangswesen mit den neugierigen Pupillen und den weichen Lippen, die sie nicht versteckt. Ich sehe sie an. Nicht lüstern. Nicht verliebt. Mit Interesse. Mit Irritation. Ich frage mich, ob sie auch so wird. Ob sie diesen Blick übernimmt, diesen müden Hochmut, dieses Nein-sagen-als-Stilmittel. Oder ob sie sich gibt. Mehr als Beate. Weniger als Claudia. Anders. Ich stelle mir vor, wie sie sich verbeugt. Wie sie auf mich zukommt. Wie sie sagt: „Meine Mutter hat von Ihnen erzählt." Ich frage: „Was genau?" Sie: „Dass Sie bleiben." Ich: „Manchmal zu lang." Sie: „Ich mag das." Ich fantasiere. Natürlich. Ich bin ein Mann. Ein alter Mann. Mit Erinnerung, mit Fantasie, mit Schuld. Nein - ein reifer Mann, das klingt viel besser. Und stimmt ja auch weitaus eher. Alt ist man dann, wenn man sich so fühlt. Alte weiße Männer - die besten Literaten im Kanon, bei Homer beginnend, der sogar blind gewesen sein soll, ...
... der alte Rhapsode, während er die Irrfahrten des Odysseus besang und wie oft dieser von Calypso Abschied und Wiedervereinigung gefeiert hatte, während seine Frau Penelope über zwanzig Jahre lang die Freier in Schach hielt. Keusch und edel auf ihn wartend... ich lächelte... selbst wenn JA, das konnte nicht gut gehen, diese Heimkehrerepos... aber das wäre ein anderes Thema. Ich stelle mir vor, wie sie mich küsst. Zuerst zaghaft. Dann fordernd. Wie sie mir zeigt, dass sie nicht ihre Mutter ist. Oder doch. Auf ihre Weise. Ich stelle mir vor, wie sie sich auf meinen Schoß setzt, hier, in diesem Ohrensessel. Wie sie meine Hände nimmt. Wie sie fragt: „Waren Sie wirklich nie mit meiner Mutter?" Ich sage: „Nein." Sie sagt: „Dann nehme ich ihren Platz." Ich sage nichts. Aber natürlich geschieht nichts davon. Sie bleibt dort. Und ich lüge in meinen Gedanken und biege sie mir so zurecht, dass es am meisten Spaß macht in der Erinnerung. Es kann nicht sein, dass ich das junge Mädchen mit SIE anreden würde, das bin und wäre nicht ICH. Sie - das andere „sie" jetzt gemeint, die Tochter also: Neben der Statue. Die Tochter neben der Mutter. Das Echo neben dem Original. Die Möglichkeit neben der Verweigerung. Ich bleibe hier. Im Sessel. Mit dem Blick. Mit dem alten Schmerz. Der kleinen Wunde, die nie heilt, weil sie nie offen war. Weil sie nie wirklich aufriss. Ich hätte sie gern erlebt. Einmal. Nur ein einziges ...