1. Erregung


    Datum: 02.02.2026, Kategorien: Reif

    ... Moment.
    
    Halb im Taxi.
    
    Halb im Mund.
    
    Voll im Leben.
    
    Nationalreserve?
    
    Sie sitzt dort drüben.
    
    Noch immer so, wie sie immer saß.
    
    Die Knie überkreuzt, als wäre ihr Geschlecht eine Nationalreserve, die nicht berührt werden darf, nicht einmal mit dem Blick.
    
    Die Arme über dem Brustkorb verschränkt, als müsste sie sich schützen, obwohl nichts mehr da ist, das Schutz verlangte - keine Jugend, keine Strahlkraft, kein Geheimnis.
    
    Und doch: sie hat sie noch, diese Aura.
    
    Diese selbsternannte Würde, diesen Hochmut, diese lächerlich kultivierte Ablehnung, als hätte sie das Leben längst durchschaut und für nicht wert befunden.
    
    Sie hatte mich nie gewollt.
    
    Nie.
    
    Nicht einmal flüchtig, nicht einmal versehentlich.
    
    Ich hatte es versucht.
    
    Natürlich hatte ich es versucht.
    
    Ich war jung, ich war eitel, ich war hungrig.
    
    Und sie - sie war die Eine, die mir fehlte auf der Liste, die Ich-weiß-dass-du-mich-willst-Aber-ich-tu-als-ob-ich-nicht-wüsste-Liste.
    
    Sie tat nicht nur so.
    
    Sie wusste es wirklich nicht.
    
    Oder wollte es nicht wissen.
    
    Was dasselbe ist.
    
    Oder schlimmer.
    
    Ich erinnere mich an jenen Abend.
    
    Opernpremiere, Don Giovanni, ironischerweise.
    
    Sie trug dieses schwarze Samtkleid mit der Brosche - eine Eule, glaube ich -, als wolle sie gleich eine lateinische Sentenz aufsagen.
    
    Ich stand neben ihr in der Bar, bestellte Sekt, sagte irgendeinen Satz über Mozart und Männer, die Frauen nicht verdienen, obwohl sie sie ...
    ... nehmen.
    
    Sie lächelte.
    
    Nur mit den Lippen.
    
    Nicht mit den Augen.
    
    Ich versuchte es noch zweimal, dreimal, wechselte das Thema, sprach von Lichtdesign, Dramaturgie, Lippenstiftfarben.
    
    Sie hörte zu, höflich, überlegen, dann sagte sie:
    
    „Sie sind charmant.
    
    Aber ich habe kein Bedürfnis nach Bekanntschaften, die an sich selbst glauben."
    
    Ich hatte gelacht.
    
    Lauter, als ich wollte.
    
    Dann war sie gegangen.
    
    Ich weiß noch, wie ihr Parfum in der Luft blieb.
    
    Nicht süß.
    
    Nicht blumig.
    
    Einfach nur kühl.
    
    Wie eine Warnung.
    
    Und jetzt sitzt sie dort.
    
    Die gleiche Pose.
    
    Nur müder.
    
    Die gleiche Mine.
    
    Nur mit Falten.
    
    Ich habe sie nie mehr angerührt.
    
    Nicht mit Worten.
    
    Nicht mit Blicken.
    
    Aber sie ist geblieben, in meinem Kopf, als diese eine:
    
    die mich nicht wollte.
    
    Die sich nicht nehmen ließ.
    
    Die sich nicht verkaufte, nicht verschenkte, nicht einmal verwechselte.
    
    Während die anderen alle irgendwann nachgaben - nach dem dritten Glas, dem zweiten Witz, dem ersten Kuss -, blieb sie unbeweglich.
    
    Wie eine Statue, die keine Abbilder duldet. Ich frage mich: War sie wirklich besser?
    
    Oder bloß geschickter in ihrer Selbstinszenierung?
    
    War ich zu offensichtlich?
    
    Oder sie zu verlogen?
    
    War es Stolz?
    
    Oder Angst?
    
    Ich habe nie erfahren, wie sie sich anfühlt.
    
    Wie ihre Haut riecht.
    
    Wie ihr Rücken klingt, wenn man ihn mit den Fingern abfährt.
    
    Ob sie stöhnt oder schreit.
    
    Ob sie schweigt.
    
    Ob sie zittert.
    
    Ich weiß es ...
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